SonntagsZeitung,

«Die Nationalbank könnte die Spekulanten mehr verunsichern»

CEO Nick Hayek in seiner unverkennlichen Raucherpose an der Jahresbilanzmedienkonferenz 2014

Swatch-Chef Nick Hayek über den starken Franken, Christoph Blocher und seine Sympathie für Urs Rohner

Interview: Claudia Gnehm

Biel Der Chef der Swatch Group, Nick Hayek, teilt gegen die Finanzindustrie aus – nimmt aber die Credit Suisse in Schutz. Bauchweh bereitet ihm die unbemerkte Deindustrialisierung der Schweiz wegen des starken Frankens.

Sie tragen Jeans, rauchen überall Zigarren – können Sie so unkonventionell sein, weil Sie erfolgreich sind?

Hilfe, nein. Wir wollen in der Swatch Group Menschen, die in allen Positionen sich selber sind, keine Schablonen – wir sind sehr liberal. Die Mitarbeitenden wählen wir vor allem aufgrund ihrer Persönlichkeit aus, das ist wichtiger als ein MBA.

Mit weniger Erfolg würden Sie anders auftreten.

Nein. Ich strebe nicht danach, ­unkonventionell zu sein. Wir sind so, wie wir sind. «Bewahre dir die Fantasie deiner Kindheit», hat mein Vater immer gesagt.

Sie sprengen den Rahmen mehr als Ihre Schwester Nayla. Weist sie Sie manchmal zurecht, wenn Sie zu weit gehen?

Meine Schwester geht mindestens so weit wie ich. Als ich meine ­Zigarre während der General­versammlung anzündete, rief sie laut nach der Feuerwehr.

Sie haben von der gelben Swatch mit der 70er-Note, die Sie exklusiv den Aktionären verschenkten, noch eine blaue für die Schweizerische Nationalbank hergestellt. Wie hat der SNB-Präsident reagiert?

Ohne seine Einwilligung hätten wir nicht «Schweizerische Nationalbank» aufdrucken können. Thomas Jordan hat mit mir das Design ausgewählt.

Was macht Jordan nun damit?

Das müssen Sie ihn fragen. Vielleicht wird er sie auch seinen Aktionären schenken. Wir dürfen sie auch in unseren Läden verkaufen.

Was ist die Botschaft der Uhr?

Diese Swatch ist 100 Prozent Swiss made. Sie symbolisiert, wie wichtig es ist, dafür zu kämpfen, in diesem Land weiter Produkte herzustellen, trotz hohen Kosten und einem extrem teuren Schweizer Franken. Trotzdem schaffen wir es, dass sie nur 70 Franken kostet.

Hätten Sie für Ex-Nationalbankpräsident Philippe Hildebrand auch eine Uhr gemacht?

Wir haben sie nicht für eine Person gemacht. Die SNB hat – aus­ser in der Lusser-Ära – immer eine sehr positive Rolle gespielt für den Werkplatz Schweiz.

Macht die SNB heute genug?

Ich bin kein Währungsspezialist. Aber ich halte Devisen für eine sehr komplexe Sache. Da wird viel spekuliert. In einem Umfeld mit viel Intransparenz und Spekulation ist es nützlich, die Speku­lanten zu verunsichern.

Ist die SNB zu introvertiert?

Thomas Jordan hat die Möglichkeit von Negativzinsen schon ins Feld geführt. Da liesse sich doch sicher noch ein bisschen mehr Verunsicherung verbreiten.

Sie rechnen mit einem ­Wechselkursverlust von 500 Millionen Franken dieses Jahr. Liebäugeln Sie mit einer Produktionsverlagerung ins Ausland?

Nein, im Gegenteil. Swiss made ist für unsere Uhren ein Muss. Der Konsument weltweit vertraut der Qualität einer Schweizer Uhr.

Der Kostendruck ist für viele Unternehmen so gross, dass sie sich gezwungen sehen, ins Ausland zu gehen.

Ich habe Verständnis dafür. Der Franken ist ein Problem. Die Konkurrenz der Schweizer Maschinenindustrie kommt aus Ländern mit günstigeren Produktionsbedingungen und Währungen. Das führt zu Auslagerungen.

Lähmt der Franken?

Wir müssen uns bewusst sein, dass der Franken viel zu teuer ist und die Nationalbank weiterhin reagieren muss. Viele haben sich in der Schweiz an den starken Franken gewöhnt, aber das ist ­gefährlich. Er behindert die Entwicklung neuer Produkte und vor allem auch deren Herstellung innerhalb der Schweiz. Dramatisch ist, dass dies oft hinter den Kulissen passiert und niemand darüber redet.

Ihre Schwester hat gesagt, die Hayeks seien apolitisch.

Sie meinte, dass wir keine politische Partei unterstützen. Wir haben kein Dogma oder Parteibuch – in gewissen Fragen sind wir sehr links, in anderen stockkonservativ. Bei uns gibt es keine Doktrin, wir passen in keine Partei. Natürlich äussern wir uns auch politisch, aber wir betreiben keine Politik. Die Swatch Group hat eine absolute Aversion gegen die Finanzierung von politischen Parteien oder Kampagnen, obwohl wir immer wieder Anfragen kriegen.

Müsste Christoph Blocher bei der Umsetzung der Massen­einwanderungsinitiative mehr eingebunden werden?

Machen Sie sich keine Sorgen um Christoph Blocher. Er ist eine charismatische Persönlichkeit, und solche können Menschen mitziehen und motivieren. Das ist positiv, das bringt Bewegung. Bewegung ist gut, viel besser als Stillstand. Blocher steht für etwas, ob man dies nun gut oder schlecht findet, und man kann sich an ihm reiben. Die Schweiz sollte vor charismatischen Persönlichkeiten keine Angst haben.

Die Wirtschaft will das alte Kontingentsystem wieder ­einführen. Begrüssen Sie das?

Ich begrüsse nichts, das mehr ­Bürokratie bringt. Die Regionen und Kantone sollen Umsetzungsvorschläge machen.

Denken Sie an einen Schlüssel wie den Finanzausgleich?

Der Bundesrat soll die Regionen arbeiten lassen, ohne das Geschwätz der Parteipräsidenten. Wir könnten einen Wurf für ­Europa machen. Es wird wahrscheinlich einen Rechtsrutsch in den EU-Parlamentswahlen geben, weil die Politiker in Europa die Probleme nicht wirklich sehen wollen. Doch es gibt keine populistischen Lösungen. Die EU-Politiker täten gut daran, die Ängste der Bevölkerung ernst zu nehmen. Die Lösungen der Schweiz sind nie radikal, sie könnten als Wegweiser dienen.

Das klingt vernünftig, doch die Wirtschaft will Kontingente.

Die Wirtschaft gibt es nicht, es gibt die Uhrenindustrie, die Maschinenindustrie, die Finanzindustrie und so fort. Wir in der Uhrenindustrie zum Beispiel finden die Grenzgänger ein gutes System. Die Masseneinwanderungsinitiative sagt, wir müssten die zusätzliche Einwanderung bremsen, nicht die Einwanderung stoppen. Wir können nur gewinnen, wenn wir mit konstruktiven neuen Vorschlägen kommen. Ich verstehe nicht, wieso der Bundesrat jetzt mit einer ­Radikallösung kommen will.

Um schneller eine neue ­Abstimmung über die ­Bilateralen herbeizuführen.

Zuerst muss man glaubwürdig alle Optionen genau untersuchen.

Sonst?

Es darf nicht der Eindruck ent­stehen, dass ein schnelles Um­setzungskonzept nur eine Taktik ist, um eine neue Abstimmung zu ­erreichen. Dann wird das Volk nicht sagen: «Wir haben bei der Einwanderungsinitiative einen Fehler gemacht.» Es wird eine Trotzreaktion geben. Das wäre sehr problematisch. Darum sehe ich nicht ein, wieso man bereits in diesem Juni etwas präsentieren muss.

Mit der UBS hat die Swatch Group einen Rechtsstreit ­wegen Anlageverlusten. Für die USA ist die CS eine «kriminelle Bank». Mit welchen Banken ­arbeiten Sie zusammen?

«Kriminelle Bank» ist ein Pleonasmus. Aber im Ernst, das trifft nur auf die Banken mit Casinomentalität zu. Wir arbeiten mit vielen Schweizer Banken zusammen, mit der UBS, der Credit ­Suisse, den Kantonalbanken, aber auch mit ausländischen Banken. Wir sind international präsent und haben keine Wahl. Aber ich finde diese ganze Situation nicht sehr angenehm.

Sind Sie erleichtert, dass die Schweiz die zweite Grossbank nicht retten muss?

Ja, klar. Die Credit Suisse ist in den Regionen sehr verankert. Ich gehe hier auch zum Credit-Suisse-Schalter. CS-Präsident Urs Rohner hat die Bank schon auf ­einen neuen Weg gebracht.

Rohner will nichts gewusst ­haben vom Vorgehen. Kriegen die Leute in diesen Sphären überhaupt noch etwas mit?

Das frage ich mich manchmal auch. Auf der Hitliste der kriminellsten Banken kämen die schweizerischen allerdings nicht zuoberst. Da gibt es eine ganze Reihe amerikanische und englische, die weit vor den Schweizer Banken liegen.

Die Banken sind noch nicht ­genügend reguliert. Aber ­Regulierung mögen Sie nicht, oder?

Ich habe kein Problem mit Regulieren, das ist manchmal nötig. Ich bin gegen Überregulierungen und Standardisierungen. Doch für mich gibt es auch einen Common Sense – gewisse Dinge, die man einfach nicht macht, auch ohne Vorschriften. Dass die Banken aktiv unversteuerte Gelder im Ausland akquirierten, zeugt von einer gewissen Dummheit.

Urs Rohner und CS-CEO ­ Brady Dougan haben eine ­andere Ethik. 


Brady Dougan kenne ich nicht persönlich, aber Urs Rohner schätze ich sehr. Mit ihm kann man auch offen und unkompliziert reden. Er ist sehr transparent und sehr selbstkritisch die Bank betreffend. Die Fehler Einzelnen anzulasten, bringt nichts. Die Kultur des Unternehmens muss sich ändern. Ich nahm die Kultur der Credit Suisse nie als so problematisch wahr wie jene der UBS. Die Credit Suisse hat gemacht, was leider viele Banken machten.

War denn nicht auch die CS dumm?

Im Gegensatz zur damaligen UBS war dieses Vorgehen, so glaube ich, nicht Teil der Unternehmenskultur. Die CS-Spitze hat diese Kultur kaum mitgetragen, sie hatte immer Bodenhaftung. Aber natürlich gab es den Wettbewerb der einzelnen Abteilungen und den amerikanischen Einfluss aus der Credit-Suisse-First-Boston-Ära.

Die UBS hat Millionen der Swatch Group in den Sand ­gesetzt. Jetzt ziehen Sie den Fall vor Bundesgericht. Wieso?

Es geht uns nicht um einen Machtkampf. Wir möchten per Gericht festhalten lassen, dass ein erteiltes Mandat mit einer Sorgfaltspflicht verbunden ist gegenüber den Kunden. Man kann nicht einen absoluten Return versprechen im Prospekt und dann alle Verantwortung abweisen.

Legt die Swatch Group das Geld verstärkt in Diamanten und Gold an, weil Sie den ­Banken nicht mehr vertrauen?

Nein. Rohstofflager waren für die Swatch Group schon immer eine gute Anlage und Sicherheit, auch wenn sie viele Mittel binden. Wir brauchen sie auch für unsere Produkte. Für etliche Güter haben wir eine Reserve von sechs bis zwölf Monaten, zum Beispiel ­Metallpulver für Schalen. Das ist strategisch wichtig. Jährlich verarbeiten wir zwölf bis fünfzehn Tonnen Gold.

Und Diamanten?

Harry Winston ist einer der führenden Diamantenspezialisten. Unter der Leadership meiner Schwester haben wir nach der Übernahme von Harry Winston den gemäss Christie’s perfektesten je versteigerten lupenreinen Diamanten, den Winston Legacy im Wert von 27 Millionen Dollar, gekauft. Letzte Woche erwarben wir den blauen Diamanten, den wir Winston Blue getauft haben, für 23 Millionen Dollar. Es ist der grösste lupenreine blaue Diamant.

Was haben Sie damit vor?

Wir haben ihn nicht gekauft, um ihn gleich weiterzuverarbeiten oder weiterzuverkaufen. Diamanten haben eine unglaubliche Ausstrahlung, besonders auf Frauen. Männer kaufen Frauen nach wie vor Diamanten, als Ausdruck ihrer Liebe und auch, weil sie den Wert ewig erhalten, wie übrigens eine schöne Uhr auch.

Die 70-Franken-Swatch in Gelb

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