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Auf Label-Chaos folgt Ampel-Salat

Coop, Migros und Co. wehrten sich bisher gegen eine Schweizer Nährwert-Ampel. Nun werden sie von ausländischen Ampeln überrollt. Der Konsumentenschutz kritisiert, dass die Konsumenten verwirrt würden.

Jetzt müssen sich die Konsumenten beim Einkaufen nicht nur durch das Label-Chaos kämpfen. Coop serviert den Kunden seit heute als erster Schweizer Detailhändler zusätzlich einen Ampel-Salat.

In den Läden sind die ersten Produkte des französischen Nahrungsmittelkonzerns Danone mit dem Ampel-System Nutri-Score erhältlich. Nutri-Score wird von der französischen Regierung gefördert. Die Ampel benotet den Nährwert mit fünf Farben – von sehr ausgewogen (grün A) bis wenig ausgewogen (rot E).

Wenig verwunderlich: Die ersten Produkte, mit denen der weltgrösste Milchprodukte-Hersteller die Schweiz von ihrem Nutri-Score überzeugen will, schneiden mit der Bewertung B relativ gut ab. Konkret punkten Danonino-Kinderquarks sowie eine neue Hüttenkäse-Linie mit ihren Anteilen von Früchten, Eiweiss und Ballaststoffen. Wesentlich für die gute Note ist zudem der mässige Zucker-, Fett- und Salzgehalt.

Danone- versus Coca-Cola-Ampel

Danone-Schweiz-Chef Karim Chaouch sagt zu BLICK: «Wir sind überzeugt, dass Nutri-Score das richtige System ist.» Danone fordert eine einheitliche Lebensmittelkennzeichnung für die Schweiz, die freiwillig sein soll.

Bei hiesigen Konsumenten sorgt das Vorpreschen von Danone aber für Verwirrung. Denn in den Coop-Regalen befinden sich seit einigen Monaten bereits Coca-Cola-Produkte mit einer farbigen Ampel.

Das Problem: Die sogenannte Industrie-Ampel von Coca-Cola, welche die Konkurrenten Nestlé und Unilever letzten November verwarfen, funktioniert anders als Nutri-Score. Zwar ist grün auch ein guter Nährwert. Aber es gibt nicht eine Gesamtnote, sondern vier Farbenbewertungen für Nährwertkomponenten wie Fett und Zucker. Das Resultat: Bei einem klassischen Coca-Cola leuchtet in drei von vier Kategorien eine grüne Ampel auf.

Migros hat Ampel-Salat bereits in der Romandie

Wieso lässt Coop den Ampel-Salat zu? Der Detailhändler verweist auf die Vereinigung IG Detailhandel, welche die Interessen von Coop, Migros, Manor und Denner vertritt.

Pikant: Die IG will gar keine Ampel. «Aus Sicht der IG Detailhandel ist das heutige System ausreichend», sagt ein Sprecher. Auf den Lebensmitteln werde bereits umfassend über die Zusammensetzung und die Nährwerte informiert.

Auch die Migros kommt nicht mehr um die Systeme ausländischer Konzerne herum. Der orange Riese führt ebenfalls Produkte von Coca-Cola mit der Industrie-Ampel. Zwar führt Migros zwar derzeit keine Danone-Produkte im Sortiment, aber einige Waadtländer Migros-Filialen verkaufen Fertigmahlzeiten mit der Nutri-Score-Ampel eines anderen französischen Herstellers.

Bundesamt für Nutri-Score

Beim Konsumentenschutz kommt der Widerstand der Schweizer Detailhändler gegen Ampeln nicht gut an. Josianne Walpen, Leiterin Ernährung vom Konsumentenschutz, fordert: «Migros und Coop sollten sich aktiv auf ein System festlegen, damit sich die Schweizer Konsumenten nicht mit verschiedenen Kennzeichnungen herumschlagen müssen.» Der Konsumentenschutz befürworte Nutri-Score, weil es die positiven und negativen Nährwerte von verarbeiteten Lebensmitteln verständlich zusammenfasse.

Als Befürworter von Nutri-Score hat sich auch das zuständige Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) geoutet. «Nutri-Score ist im Moment das einzige Label in der Schweiz, das unsere Kriterien erfüllt», sagt BLV-Sprecherin Nathalie Rochat. So einfach wird das Bundesamt Nutri-Score aber nicht durchbringen. Wenn es am 23. April zum runden Tisch im Ampelstreit ruft, wird neben Coop und Migros auch Nestlé opponieren. Der Nahrungsmittelmulti will ein einheitliches, farbcodiertes Nährwertmodell für ganz Europa.

Selbst bei Zuckerbomben steht die Ampel auf Grün

Nutri-Score-AmpelDer französische Nutri-Score zeigt die Nährwertqualität auf einer fünfstufigen Farbskala von A bis E an. Viel Fett, Transfett, Zucker und Salz gben Minuspunkte. Ballaststoffe, Frucht-, Obst-Anteile und Proteine geben ein Plus. Die Plus- und Minuspunkte werden für die Beurteilung gegeneinander abgewogen. Die Portionengrösse spielt keine Rolle, als Berechnungsbasis dienen 100 Gramm. Ein Produkt mit einem insgesamt günstigen Nährwertprofil erhält ein dunkelgrünes A. Frankreich hat den Nutri-Score 2017 eingeführt, auf Wunsch der Regierung. Die Kennzeichnung ist freiwillig.

Industrie-Ampel: Wenn ein Produkt sehr viel von einem negativen Bestandteil wie Zucker, Fett, Salz oder gesäuerte Fettsäuren enthält, springt die Ampel auf Rot. Es gibt drei Stufen: hoch (rot), mittel (orange) und tief (grün). Aber im Gegensatz zu Nutri-Score fehlt ein Gesamtwert. Basis sind Portionengrössen, die der Hersteller definiert. Oft schaltet die Ampel selbst bei sehr zuckerhaltigen Produkten wie Nutella wegen kleiner Portionen nicht auf Rot. Die Industrie-Ampel basiert auf jener der britischen Lebensmittelbehörde von 2007. Momentan nutzt Coca-Cola sie im Alleingang.

Die britische Ampel: Farblich und von der Aufteilung her unterscheidet sich diese Ampel nicht von der Industrie-Ampel. Aber, wenn ein Produkt sehr viel von einem Bestandteil enthält, springt die Ampel auf Rot – unabhängig von der Portionengrösse. Damit stehen etwa bei einer Portion Nutella drei Ampeln auf Rot.

 

 

https://www.blick.ch/news/wirtschaft/lebensmittel-ampeln-wie-nutri-score-nuetzen-der-industrie-mehr-als-den-konsumenten-gruen-heisst-noch-lange-nicht-gesund-id15222584.html


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