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Hier gehts embrüf!* Weltdorf Wallis

Wallis-Reportage mit Fotograf Stefan Bohrer

Die einstige Abwanderungsregion Oberwallis boomt – dank Investitionen von Lonza und Co. Selbst kleine Dörfer rüsten auf, um den Zuwanderern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. Vermehrt zeigen sich nun Wachstumsgrenzen.

Hoch über Visp VS im Dörfchen Eggerberg ist nichts vom Baulärm und dem bunten Treiben im Tal zu hören. Nur der raue Wind pfeift Renzo Cicillini (47) um die Ohren. Der Standortleiter des Pharmazulieferers Lonza in Visp schaut runter auf das wachsende Werk an der Rhone mit derzeit 4000 Angestellten. «Hier in diesem kleineren Gebäude links sind 20 Prozent für die Produktion des Moderna-Impfstoffs belegt», sagt er.

Rechts nebenan steht ein weiterer Riesenkomplex des Wachstumsprojekts Ibex. Die Vision sieht insgesamt fünf Komplexe vor. Für den dritten legen Bauarbeiter mit Kranen bereits das Fundament. Damit der Bau dann schnell vorangeht, sollte Lonza grünes Licht geben. An Aufträgen fehlt es nicht. Dieses Jahr stellt Lonza 1200 Leute ein, über 650 sind bereits an Bord.

Tempo im Lonza-Getriebe

Das rasant expandierende Biotechzentrum ist ein Haupttreiber für den Wirtschaftsboom im Oberwallis. Unzählige Wohnungen wurden innert Kürze aus dem Boden gestampft, Hunderte Kita-Plätze geschaffen – doch bis 2024 braucht es 1000 weitere.

«Es ist schön, wenn ein Segelschiff voll mit dem Wind segeln kann», erklärt Cicillini. Aber Lonza wolle nachhaltig und gesund wachsen, und im Moment komme die Impfstoffproduktion zusätzlich dazu. «Da ist derzeit sehr viel Geschwindigkeit im Getriebe», stellt er fest.

Im Tal herrscht eine aufgeräumte Stimmung. Kein Wunder: Die Wirtschaft boomt. Mit einer rekordtiefen Arbeitslosenquote von 1 Prozent letzten Monat kommt das Oberwallis gut durch die Pandemie. Zum Vergleich: Gesamtschweizerisch beträgt die Quote 3,4 Prozent.

 

Biopharma-Expertin spielt in Guggenmusik

Unter den vielen jungen internationalen Fachkräften herrsche eine regelrechte Aufbruchstimmung, sagt Lisa Kappler (33) aus Ravensburg (D). Sie stiess Ende 2019 nach ihrem Doktorat in Chemie zu Lonza. «Hier haben alle Bock, etwas zu bewegen», beobachtet Kappler.

Gleich nach der Ankunft trat sie einer Guggenmusik bei. «Ich wollte lokal Anschluss finden, habe viel Zeit an der Fasnacht verbracht und verstehe inzwischen ganz gut Walliserdeutsch», erklärt die Biopharma-Expertin. «Man muss selber etwas unternehmen, um sich zu integrieren. Die Leute sind sehr aufnahmefreudig und neugierig», findet die Guggen-Posaunistin.

An Arbeit fehle es bei Lonza nicht, man werde schon gefordert, aber auch gefördert. «Es wird extrem darauf geschaut, dass es allen gut geht», betont Kappler.

Als sie von Visp, wo sie zuerst eine Lonza-Unterkunft bezog, nach Naters bei Brig gezogen sei, sei ihr aufgefallen, wie aktiv sich die Gemeinde um die Integration der Neuankömmlinge bemühe. Nicht nur Visp, alle Gemeinden sind gefordert, Wohnraum für die Fachkräfte aus aller Welt zu schaffen, sie aufzunehmen, ihre Nachfrage nach Ärzten, Kita-Plätzen und Co. zu stillen.

Brig platzt aus allen Nähten

In Brig, zehn Zugminuten von Visp entfernt, ist der Aufschwung regelrecht greifbar. Es gibt keine Ecke, wo nicht gebaut wird. Bereits diesen Herbst beziehen die Fernfachhochschule (FFHS) und die Fernuni ihren neuen Verwaltungs- und Hochschulcampus. Höchste Zeit, denn der bisherige Briger Standort platzt aus allen Nähten.

«Wir bauen Zukunft», steht auf dem Gerüst. Das Gebäude ist fertig. Noch fehlen Türen und Innenausstattung. Im eiskalten Erdgeschoss erklärte Michael Zurwerra (60), der Rektor der FFHS, dass der Kanton die Institutionen vor über 20 Jahren ins Leben rief, damit auch Menschen aus dem Berggebiet einfach Zugang zum Studium hätten.

«Jetzt mit der Pandemie und dem Homeoffice haben Menschen im ganzen Land das Fernstudium für sich entdeckt», führt er aus. Nach dem konstanten Wachstum der Vorjahre registrierten sich bei der FFHS letztes Jahr 40 Prozent, bei der Fernuni 20 Prozent mehr Studierende – insgesamt sind 5000 eingeschrieben. «Das letzte Jahr hat uns einen riesigen Push gegeben», so der Rektor.

Das Wallis ist für Zugewanderte Freiheit oder Enge

Auch die FFHS sucht Dozenten und Forscher im Ausland. Dafür zuständig ist die Personalchefin der FFHS, Hannah Instenberg (39). Selber aus Deutschland zugezogen, wusste sie nicht, was sie erwartet, als sie für den Job ins Wallis zog.

«Entweder man liebt die Berge, oder man fühlt sich eingeschlossen», beobachtet sie. Gegenüber den Fachkräften aus dem Ausland will sie sehr ehrlich sein und klarmachen, dass sie kein Grossstadt-Gefühl erwartet.

Kulinarisch zumindest ist das Städtchen ziemlich urban geworden. Gastronom Sven Zuber (32) reitet mit seiner Gastro-Firma Runder regelrecht auf der Welle der Zuwanderung von internationalen Fachkräften sowie des Zustroms der Studenten.

Gestartet ist er mit seinem Quickservice-Restaurant mit veganen Angeboten vor vier Jahren. Inzwischen hat er je eine Filiale in Brig und Visp sowie einen Food Truck mit einem Tourplan mit Lunch-Stationen wie bei Lonza. «Corona hat die Nachfrage nach Take-away zusätzlich beflügelt», führt er aus.

In den Zugewanderten eine Marktlücke gesehen hat auch Natalie Roten (33). Vor zwei Jahren gründete sie das Sushi Palace in Brig. Viele Lonza-Mitarbeiter und Neuzuzüger bestellten bei ihr, aber auch vermehrt Walliser. «Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort», erklärt sie. Seit dem Lockdown sei die Nachfrage stark gestiegen.

 

Im idyllischen Dörfchen Ernen schliesst die Primarschule.

Schule macht Co-Working-Space Platz

Doch ist der Boom im Tal auch in den abgelegenen Dörfern angekommen? «Wir hatten Angst, dass der Dorfkern ausstirbt, aber seit zehn Jahren haben wir eine leichte Zuwanderung», sagt Francesco Walter (60), Gemeindepräsident von Ernen. Im malerischen Dorf mit 500 Einwohnern, knapp 20 Minuten von Brig talaufwärts, siedelten sich gerne Angestellte der grossen Arbeitgeber an. Doch es fehle an Wohnraum. Pensionskassen und Banken wollten hier nicht investieren.

Eine weitere Hiobsbotschaft: Trotz dem leichten Zuwanderungstrend geht die Primarschule im Sommer zu. Dann wird es noch ruhiger. Die Kinder pendeln ab Herbst in ein neu gebautes Bildungszentrum in Fiesch – es sind nur noch 17 Kinder, verglichen mit 84 vor 30 Jahren.

An Ideen, wie er das Dorf beleben kann, fehlt es dem umtriebigen Gemeindepräsidenten nicht. Das Musikdorf Ernen Festival über den Sommer positionierte er neu. Inzwischen ist es ein internationaler Geheimtipp für Künstler und Publikum. Es bringt eine jährliche Wertschöpfung von 2 Millionen Franken.

Die Konzerte finden in der Kirche statt. Geprobt wird künftig auch in den alten Klassenzimmern der Schule. Ebenfalls in den Schulräumen geplant sind Co-Working-Spaces. Ein Bedürfnis der Bewohner, das sich seit der Pandemie und Homeoffice-Pflicht verstärkt hat, sagt Walter.

Vom Dörfli zur Familienattraktion

Eine ganz andere Stimmung herrscht im 1600-Einwohner-Dorf Steg 15 Bus-Minuten von Visp entfernt. «In der Schule kommt dieses Jahr eine neue Klasse hinzu, nächstes Jahr folgt eine weitere», erklärt Gemeindepräsidentin Astrid Hutter (65). Die Gemeinde soll attraktiv sein für moderne Familien. Seit letztem Jahr gibt es Tagesstrukturen für die Primarschule mit 210 Kindern.

Im Zentrum steht das neue Generationenhaus mit Altersheim und Kita-Plätzen. Bereits gebe es eine Warteliste. Der Ausbau erfolge, sobald der Kanton grünes Licht gebe, so Hutter. In der Nähe einer neuen Minergie-Siedlung mit Solarstrom steht der neue Pumptrack, die Attraktion für die Kinder und Jugendlichen. Das Wallis baut für die Zukunft.

*embrüf = Walliserdeutsch für «hinauf»

https://www.blick.ch/wirtschaft/hier-gehts-embruef-das-wallis-erlebt-einen-wirtschaftsboom-id16486811.html


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