SonntagsZeitung,

Wo die Pleitegeier wieder im Anflug sind

Länderrisiken für einen Staatsbankrott Grafik: cg/SOZ

Neben Argentinien und der Ukraine ist auch Griechenland noch nicht über den Berg

Claudia Gnehm

Zürich Meldungen über neue ­Rekordschuldenberge schrecken heutzutage niemanden mehr auf. So hat die US-Verschuldung mit 60 Billionen Dollar ein neues Höchst erreicht. Stabil hoch ist zwar die Staatsverschuldung mit 17 Billionen Dollar. Privatkredit- und Hypothekenschulden steigen jedoch wieder signifikant an. Aber was solls? Das Land, das einen Viertel der weltweiten Schuldenlast trägt, schafft wieder Jobs, die Wirtschaft brummt.

Doch wehe dem Land, das seine Gläubiger nicht bei Laune halten kann. So wie Argentinien, das 13 Jahre nach dem letzten Staatsbankrott wieder zahlungsunfähig ist. Um die Pleite abzuwenden, bleibt eine Gnadenfrist von 24 Tagen. Das oberste US-Gericht hat eine fällige Schuldenzahlung Argentiniens an das Gros seiner Gläubiger aus der letzten Pleite blockiert – der Schuldenberg betrug 82 Milliarden Dollar. Das Bundesgericht verbietet nun die unter US-Recht vereinbarten Überweisungen, sofern die klagenden privaten Hedgefonds- Gläubiger nicht gleichzeitig zu ihrem Geld kommen. Die Staatspräsidentin Cristina Kirchner weigert sich, die «Geierfonds» zu bedienen – allen voran Elliot Management.

Das zweithöchste Pleiterisiko weist Venezuela auf

Der Fonds hatte Anleihen zu Ramschpreisen gekauft und sich nicht an der Umschuldung beteiligt, bei der Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Morgen Montag versucht eine argentinische Delegation, mit den Privatgläubigern eine Lösung zu finden. «Argentinien kann die alten Schulden kaum voll begleichen», schätzt Oliver Adler, Chefökonom der CS.

Das treibt die Angst vor einem Domineffekt an. Deshalb forderte die Organisation Amerikanischer Staaten vorgestern, Argentinien müsse geholfen werden. Argentinien hätte zwar genügend Mittel, um die zwei ausstehenden Zahlungen von 2,5 Mrd Dollar zu begleichen. Doch kommt es dem Hedgefonds entgegen, öffnete das die Tore für weitere Forderungen, welche die Reserven des Landes sprengten.

Für Kreditausfallversicherungen (CDS) auf den argentinischen Staatsschulden werden astronomische Preise verlangt – 1728 Basispunkte. Diesen Stand erreichte zuletzt Griechenland 2010. Diese CDS geben an, wie wahrscheinlich ein Zahlungsausfall innerhalb einer bestimmten Zeitspanne ist. Letzte Woche drohten die Ratingagenturen Standard & Poor’s und Moody’s, Argentinien als Pleitefall einzustufen.

Die neben Argentinien zweithöchsten Pleiterisiken weist Venezuela auf. Ausländische Unternehmen warten seit Monaten auf die Bezahlung ihrer Rechnungen. Letzte Woche reduzierte die US- Fluggesellschaft American Airlines ihre Flüge in das krisengebeutelte Land um 80 Prozent wegen ausstehender Schulden.

Vor dem Bankrott steht die Ukraine. Wegen der starken Vernetzung mit der EU ist dem Land Hilfe aus Brüssel sicher. Die Ukraine verhandelt mit den Gläubigern über eine Umschuldung.

Erinnerungen an das überschuldete Griechenland, das die ganze Eurozone an den Rand des Abgrundes riss, sind seit dem jüngsten Bankenrun in Bulgarien erwacht (siehe Artikel rechts). Zudem beträgt die Auslandsverschuldung Bulgariens fast 100 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Ein zweites Griechenland sei Bulgarien aber nicht, sagen Ökonomen. Zumal vor allem die Privatverschuldung hoch ist, die Staatsschuld mit 20 Prozent des BIP aber gering.

Licht in die Schuldenmisere bringt Griechenland, das immerhin wieder Investoren findet. Symptomatisch sind die Preise der Ausfallderivate gesunken. Noch liegen sie bei hohen 453 Basispunkten. Mit 175 Prozent des BIP ist Griechenlands Schuldenstand noch nicht nachhaltig. Das Land hängt länger­fristig von ­tiefverzinslichen Hilfskrediten ab.

Frankreich bereitet Europa am meisten Kopfzerbrechen

Spanien und Portugal reformieren sich stark. Der Lohn: Die Wettbewerbsfähigkeit steigt, die Wirtschaft erholt sich, die Haushaltdefizite sinken. Doch Thomas Wacker von Credit & Fixed In­come UBS, sagt: «Um diese Erholung nachhaltig zu gestalten und eine markante zweite Welle der Schuldenkrise zu verhindern, sind erhebliche weitere Reformen notwendig.»

Nachdem Irland, Portugal und Spanien aus den Hilfsprogrammen ausgeschert sind, fehlt der Druck der Finanzmärkte. Dadurch werde der politische Reform­eifer erlahmen, befürchten UBS-Ökonomen. «Wenn Europa in einigen Jahren das nächste Mal von einer Rezession getroffen wird, sehen wir erneut grosse Schwierigkeiten auf die Peripherieländer zukommen», sagt Wacker. Die Europäische Zentralbank müsse dann wohl noch energischer eingreifen.

In Europa am meisten Kopfzerbrechen verursacht kein peripheres EU-Land. Es ist die ­Grande Nation. Ursache der Sorgen um Frankreich ist das verhaltene Wachstum, sagt Christa Janjic-Marti, Ökonomin bei Wellershoff & Partners. Weiter: «Erschwerend kommt hinzu, dass von über 20 konkreten, vereinbarten Reformvorhaben lediglich bei einem Vorhaben grosse Fortschritte verzeichnet werden konnten.» Die Probleme seien identifiziert, aber bei der Umsetzung hapert es. Was für alle Pleitekandidaten gilt.

Truthahn-Geier
Foto: Fotocommunity B. Walker

Schweiz half 14 Ländern bei Umschuldung

Kuba, Sudan, Argentinien zahlten Zinsen nicht

Bern Aus dem Umschuldungs­abkommen nach dem letzten Staatsbankrott Argentiniens 2001 schuldet das Land der Schweiz 515 Millionen Dollar. Mehr als die Hälfte davon sind Verzugszinsen. Die Schweiz ist eines der 20 Mitglieder des Pariser Clubs, ein internationales Verhandlungsforum für die Umschuldung überschuldeter Staaten. Unter den 14 Ländern, mit der die Schweiz ein Umschuldungsabkommen hat, hat Indonesien mit 162 Mio Franken die zweithöchste Summe ausstehend. Gefolgt von Ägypten (147 Mio), Sudan (145 Mio), Pakistan (97 Mio), Serbien (83 Mio), Irak (44 Mio) und Kuba (35 Mio). Letztes Jahr kamen ausser Argentinien, Kuba und dem Sudan alle Schuldnerstaaten ihren Zahlungsverpflichtungen nach.

Die EU-Krisenstaaten, allen voran Griechenland, profitieren indirekt von den Schweizer Zahlungen an den Internationalen Währungsfonds (IWF), der sich an den Rettungsprogrammen der Europäischen Zentralbank und der EU-Kommission beteiligte. Laut Finanzdepartement ist es noch nie vorgekommen, dass der IWF seine Verpflichtungen gegenüber den Geberländern nicht erfüllen konnte. (cg)


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