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Was – schon wieder?

Spekulant Leeson führte die traditionelle britische Baring Investmentbank 1995 in den Bankrott. Die 1762 gegründete älteste Handelsbank lebt heute weiter in der Schweizer Privatbanken-Tochter Bank Baring Brothers Sturdza in Genf und der niederländischen ING Investment der niederländischen Allfinanzgruppe ING.

Dem Milliardenbetrüger Nick Leeson liefert der UBS-Skandal ein Déjà-vu. Sympathie für Kweku Adoboli, der jetzt seine Verteidigung aufbaut, fühlt der britische Ex-Starbanker aber nicht. Mit SonntagsBlick sprach Leeson auch über sein Leben als ewiger «Schurkenhändler».

Interview: Claudia Gnehm

Herr Leeson, was dachten Sie, als Sie vom Milliardenbetrug bei der UBS hörten?

Nick Leeson: Weil ich es selber erlebt habe, ist es für mich immer ein surreales Gefühl, wenn es wieder passiert. Allerdings finde ich diesen Fall schon sehr bizarr – nach all den finanziellen Turbulenzen der letzten Jahre. Eigentlich hatten die Banken genug Zeit, um sicherzustellen, dass ihre Kontrollen wirklich robust sind. So wie mich der Betrug bei der Société Générale 2008 überrascht hat, überrascht mich jetzt der bei der UBS. Die galt doch immer als Branchenbeste und grundsolide.

Der gewiefte Finanzspekulant Leeson ist wirklich überrascht?

Ja. Nicht überrascht hat mich nur, dass wieder ein Schurkenhändler aufgeflogen ist. Leider muss ich ständig wiederholen, dass die Kontrollen und Risikosysteme der Banken mangelhaft sind. Seit der Finanzkrise stehen die Instituteextrem unter Druck, das Vertrauen wieder aufzubauen. Und doch investieren sie nicht genug in Leute, die kontrollieren, was innerhalb der Organisation passiert. Hier wiederholt sich die Geschichte.

Die berühmte Banker-Arroganz?

Das fundamentale Problem ist: Mit finanziellen Innovationen lässt sich viel Geld verdienen. Aber es ist wie bei einem Velorennen. Die Händler und Produktepioniere fahren in der ersten Gruppe. Die Compliance-Angestellten, Risk-Manager und Finanzabteilungen fahren hinterher. Die zweite kann die erste Gruppe nie einholen, also nicht kontrollieren. Dort liegt das wahre Risiko. Viele Firmen haben zwar Risk-Manager – aber das ist sinnlos, wenn sie gar nicht in der Position sind, die Abläufe im Unternehmen anzufechten.

Was verrät Ihnen der neueste Fall über die UBS?

Sicherlich hat die UBS in der Vergangenheit schon Episoden mit Schurkenhändlern erlebt. Adoboli ist nicht der Erste, der etwas anstellt. Bei ihm gab es ja 2008 erste Hinweise auf Übertretungen. Das sagt doch klipp und klar, dass das Risikomanagement und alle Kontrollen spektakulär versagt haben.

Ihre eigene Karriere begann mit einem Fehler, bei dem Sie zu viel riskiert und zu viel verloren haben. Daraufhin versuchten Sie, den Fehler zu kaschieren, indem Sie noch höher setzten, die Risikolimiten noch stärker übertraten. Erleben Sie bei Adoboli ein Déjà-vu?

Ich sehe keine andere Motivation als das Wiedergutmachen-Wollen. Wenn der Händler nur auf Gewinn aus gewesen wäre, hätte er mit jemandem kooperieren müssen, der die andere Seite seiner Deals gedeckt hätte. Einen solchen geplanten Betrug wollte man auch mir zuerst nachweisen. Aber es wäre sehr schwierig, einen solchen Deal durchzuziehen. Ich glaube nicht, dass das bei der UBS der Fall war.

Sondern?

Viel wahrscheinlicher begann es wie bei mir mit kleinen Schritten ausserhalb der Limits, die zu Verlusten führten, und dem Kampf, sie wieder auszubügeln.

Sie und Adoboli waren von da an nur noch Getriebene?

Wenn man merkt, dass die Kontrollen nicht greifen, ändern sich die Überlegungen. Als ich die ersten Gelder in verbotene Konti transferierte, war ich überzeugt, dass ich weniger als zwölf Stunden hätte, um die Position zu korrigieren. Wenn die Kontrollen funktioniert und die Zuständigen ihre Arbeit getan hätten, wäre ich innerhalb eines Tages aufgeflogen. Aber das ging zwei, drei Wochen so weiter. Weil ich nicht hinterfragt wurde, hatte ich plötzlich mehr Zuversicht, mehr Zeit, um zu korrigieren. Wer dann Woche für Woche überlebt, denkt in längeren Zeiträumen. Ich dachte, ich muss das nicht sofort korrigieren, die Auditoren kommen ja erst später. Ich war in einem Teufelskreis, dachte keine Sekunde daran, Geld zu stehlen.

Beim ersten Schritt wollten Sie sich bereichern?

Nein, darum ging es nicht. Der UBS-Händler wollte wahrscheinlich auch nicht betrügen. Natürlich wird die Bank jetzt aus Imagegründen so viel Schuld wie möglich bei ihm abladen. Das lenkt vom Hauptproblem ab – Fahrlässigkeit und Inkompetenz, die solche Deals überhaupt so lange möglich machen. Das Versagen der Bank entschuldigt aber den Einzelnen nicht. Es ist kein Grund, wieso er nicht ins Gefängnis sollte.

Sie und den Franzosen Jérôme Kerviel liessen erst externe Faktoren auffliegen.

Bei mir kam zum Erdbeben in Japan hinzu, dass Barings das Geld ausging. Im UBS-Fall reichte vermutlich die hohe Volatilität der Märkte in den letzten Wochen. Aber jemand muss die Fehlstände bemerkt haben. Als der Kerl wusste, dass er auffliegen würde, gestand er. Bei mir kontrollierte drei Jahre lang keiner die Positionen.

Braucht es mehr Regulierung?

Wie viel auch immer reguliert wird: Die Qualität der Leute, denen die Regulierung unterliegt, war nie hoch genug. Wo ein Ungleichgewicht zwischen Innovation und Kontrolle besteht, gibt es immer Probleme. Es ist leicht zu sagen, der UBS-Händler habe Risikoschwellen überschritten.

Wie meinen Sie das?

Es gibt sehr viele Ebenen, auf denen man einen solchen Fall hätte erkennen können. Technische Indikatoren in der Handelsbilanz am Ende des Tages – und vieles andere mehr.

Das tönt jetzt ziemlich einfach.

Es gibt auch psychologische Signale. Ich war immer schwer erreichbar. Ich arbeitete von 8 Uhr morgens bis 10 Uhr abends. Am Ende kam ich um 9 Uhr abends und verliess das Büro um 11 Uhr früh, weil ich niemanden mehr sehen wollte. Wahrscheinlich verhielt sich auch der UBS-Trader seltsam – seine Vorgesetzten im gleichen Raum müssen gewusst haben, dass etwas nicht stimmt.

Sie wurden von der Kanzlei Kingsley Napley verteidigt – denselben Anwälten, die jetzt Adoboli verteidigen. Was war Ihre Verteidigungsstrategie?

Wir haben nie versucht, eine zu haben. Mein Anwalt sagte, ich sei sein bester Klient. Und mir war immer klar, dass ich ins Gefängnis gehen würde. Ich wollte nur so schnell wie möglich wissen, für wie lange. 99 Prozent der Häftlinge halten sich für unschuldig, auch wenn sie schuldig sind. Das war bei mir nicht so. Ich wusste immer, dass ich Unrecht begangen hatte, dass ich dafür bestraft gehörte. Ich hatte mich schon bei meinen Verhören in Deutschland in allen Punkten für schuldig bekannt. Es wurde dann klar, dass mir maximal acht Jahre drohen.

Adoboli wird wahrscheinlich in England der Prozess gemacht.

Im Gegensatz zu Singapur gibt es in England ein Geschworenengericht. Vor meinem Fall kam der berühmte Pensionskassenbetrug der Maxwell-Brüder zur Verhandlung. Einwände der Geschworenen, die den Fall nicht verstanden, führten zu grossen Komplikationen und Verzögerungen. Ähnliches könnte auch dem UBS-Händler passieren. Adobolis Deals dürften für die Geschworenen noch viel schwieriger nachzuvollziehen sein. Es wärer fairer, wenn er von Experten beurteilt würde. In Singapur habe ich der Kriminalpolizei die Anklagepunkte erklärt, die hatten von nichts eine Ahnung. Wenn Adoboli mich als Zeugen der Verteidigung will, werde ich aber absagen (lacht).

Sie fühlen keine Solidarität?

Ich wäre kein guter Zeuge. Ich werde oft gefragt, ob ich Mitleid mit anderen Schurkenhändlern habe. Ich muss sagen: nein. Ich wusste: Was ich tat, war falsch. Trotzdem habe ich weitergemacht, deshalb muss ich auch komplett für die Folgen geradestehen.

Als Händler war Ihre grösste Angst: zu scheitern. Und jetzt?

Die Persönlichkeit eines Menschen ändert sich nicht. Ich spürte einen extremen Erfolgsdrang. Doch egal, wie viel Erfolg ich hatte – ich wollte immer noch mehr. In der Bankenwelt ist nur Erfolg angesagt. Da war Scheitern keine Option. Aber meine Gier nach Erfolg hat sich verändert, was auch mit meinem Psychologiestudium zu tun hat. Erfolg muss heute nicht mehr heissen, dass ich im Unternehmen zuoberst bin. Es kann auch Erfolg sein, der Familie ein Essen auf den Tisch zu bringen. Ich bin immer noch derselbe. Ich mag es nicht zu scheitern. Aber ich kann heute besser damit umgehen.

Nick Leeson gibt sich heute geläutert.
UBS-Finanzspekulant Kweku Adoboli

Finanzjongleur der ersten Stunde

Der ehemalige britische Derivatehändler Nick Leeson (44) brachte mit seinen Spekulationen die Barings Bank zu Fall, die älteste Investmentbank Englands. Er begann 1993 in Singapur zu spekulieren, verlor – und spekulierte noch mehr. Als er 1995 wusste, dass er auffliegen würde, flüchtete er, wurde aber bald in Deutschland verhaftet und nach Singapur überwiesen. Der Verlust, den er verursachte, war gewaltig: 825 Millionen Pfund. Der einstige Starbanker kassierte wegen Urkundenfälschung und Betrug sechseinhalb Jahre Gefängnis. Nach einer Darmkrebs-Diagnose wurde er 1999 vorzeitig entlassen. Heute lebt er mit seiner Frau und drei Kindern in Irland. In der Gefängniszelle schrieb er Bücher, später übernahm er einige Mandate für Fussballklubs. Jetzt lebt er von seiner verrückten Story, über die er auf der ganzen Welt Referate hält. Er will dazu beitragen, dass Organisationen Leute einsetzen, die interne Abläufe überprüfen und in Frage stellen.


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