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Kunsthandel: Der durchsichtige Zwiespalt zwischen Geld und Geist

Marc Chagall: Over the Town

Von Claudia Gnehm-Laubscher und Konrad Tobler

Kunst ist eine besondere Ware. Kunst ist Schönheit. Kunst ist ein ideeller Wert. Wenn aber von Kunst und Geld die Rede ist, ist immer von viel Geld die Rede. Das zeigen die Ergebnisse der diesjährigen Mai-Auktionen in New York, wo hochkarätige Sammlungen unter den Hammer kamen: Das Auktionshaus Christie’s erzielte einen Umsatz von 150 Millionen Franken. Erzrivale Sotheby’s verbuchte 250 Millionen Franken. Der Erlös bei Phillips betrug 223 Millionen Franken.

Gerüchte und Fakten

Diese Zahlen werden jedoch keineswegs als überragende Erfolge betrachtet. So hiess es nach Abschluss der Auktionen bei den drei Häusern, die Ergebnisse würden bestätigen, was Kenner befürchteten: Für den Kunstmarkt seien nach sorglosen Jahren wieder schwierigere Zeiten angebrochen. Die Sammler hätten nur vorsichtig geboten, nur ausgefallene Angebote hätten sie aus der Reserve gelockt. Wichtige Werke blieben liegen. So gingen bei Sotheby’s Gemälde von Henri Matisse und Marc Chagall unverkauft an die Besitzer zurück. Bei Christie’s fand, entgegen allen Erwartungen, ein seltenes Frauenporträt von Picasso keinen Käufer. Als Grund gilt die Ernüchterung im Umfeld der US-Börsen. Vor allem im mittleren Preissegment gibt es offensichtlich weniger Abnehmer.

Die Sprache ist klar: Kunsthandel ist ein knallhartes Geschäft. Dennoch: Wenn vom Kunsthandel die Rede ist, geht es eher um Glamour und Chic als um Rendite, Anlage und Profit. Wenn vom Kunsthandel die Rede ist, beginnen die Gerüchte. Der Kunsthandel wird mit der Mafia und Geldwäscherei assoziiert – Fakten tragen das Ihrige dazu bei: Interpol schätzt den weltweiten Umsatz mit gestohlenen Kulturobjekten auf mehrere Milliarden Franken pro Jahr. Eine Summe, die es mit derjenigen im Drogenhandel und in der Waffenschieberei aufnehmen kann. Zweites Beispiel: Experten rechnen damit, dass in Deutschland nach groben Schätzungen zwischen 50 und 70 Prozent der im Kunsthandel kursierenden Geschäfte nicht verbuchtes Schwarzgeld sind.

Kein Problem mit Steuern

Dass Diskretion nicht nur eine der schwächenden Stärken des Kunsthandels ist, dass Kunst als Ware aus dem Rahmen fällt, zeigt eine Nachfrage bei der Eidgenössischen Steuerverwaltung. Vizedirektor Bernhard Stebler sind keine Fälle von Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit dem Kunsthandel bekannt. Denn: «Im Gegensatz zu Liegenschaften, die im Grundbuch eingetragen sind, gibt es keine Erfassung von Kunstwerken.» Während die Behörde bei Steuerhinterziehung im gewerbsmässigen Liegenschafts- oder Wertpapierhandel einschreiten könne, gehöre der Kunsthandel in den Bereich des privaten Kapitalgewinns. Sogar Stebler räumt ein: «Die Grenzen zwischen steuerbarem Einkommen und steuerfreiem Kapitalgewinn sind hier schwammig.»

Mauscheln und Schweigen

Zum schlechten Ruf trägt der Handel auch das Seinige bei: Mit Kunst wird nur unter grösster Diskretion gehandelt. So stellte der Fachjournalist Christian von Faber-Castell jüngst in der Zeitung «Finanz und Wirtschaft» fest: «Aus einem gründlich falschen und allzu oft nur bequemen Diskretionsverständnis heraus wird im Kunstmarktgeschäft verheimlicht und gemauschelt, geschwiegen, versteckt und manchmal auch schlicht gelogen – wo es eigentlich nichts zu verstecken, zu verbergen oder zu verleugnen gibt.»

Typisch für diese Haltung sind die Reaktionen von Exponenten des Kunsthandels, wenn Fragen auf die Ökonomie der Kunst zielen. So lenkte Simon de Pury, heute Co-Chef des drittgrössten Auktionshauses Phillips, De Pury & Luxembourg, in einem Interview mit dieser Zeitung von solchen Fragen ab: «Im Kunstmarkt fahren diejenigen besser, die nicht an das Investment denken. Wenn man nicht Interesse oder Liebe für die Kunst hat, sollte man besser die Hände davon lassen. Am besten kauft man mit Herzblut.»

Teures Herzblut

Fakten über den Kunsthandel sind nur indirekt abzuleiten, etwa über die Grösse der Umsätze – oder über juristische Auseinandersetzungen. So mussten die beiden weltgrössten Auktionshäuser Christie’s und Sotheby’s kürzlich wegen illegaler, in den USA gegen das Kartellrecht verstossender Preisabsprachen, 365 beziehungsweise 461 Millionen Franken an geschädigte Kunden erstatten. Sotheby’s wurde zudem, weil das Haus nicht mit den Gerichtsbehörden kooperierte, mit einer Busse von 81 Millionen Franken bestraft. Weitere Verfahren, so wird gemeldet, könnten noch anstehen.

Solche Zahlen machen die realen Masse des Kunsthandels indirekt klar – vor allem, wenn man die Jahresumsätze der beiden Häuser betrachtet, die 90 Prozent des weltweiten Auktionsmarktes beherrschen: Sotheby’s mit 3,5 Milliarden und Christie’s mit 4,2 Milliarden Franken. Das sind Ergebnisse, die sich mit Konzernen wie Swatch Group (Jahresumsatz 4,3 Milliarden Franken) oder Ciba Spezialitätenchemie (7,9 Milliarden Franken) vergleichen lassen.

Zwar nehmen sich die Zahlen der grossen Schweizer Auktionshäuser bescheidener aus. Die 20 grössten Schweizer Auktionshäuser trugen aber allein vergangenes Jahr fast 100 Millionen zum Weltmarkt bei. Denn sowohl das Zürcher Auktionshaus Koller als auch der international als besonders seriös geltende Berner Auktionator Eberhard W. Kornfeld erzielen mit ihren Kunst-Geschäften Millionenumsätze. Der Umsatz des in Galerien, Kunsthandlungen und Auktionshäusern weit verzweigten Schweizer Kunsthandels wird auf rund 500 Millionen Franken geschätzt – eine Zahl, die es wiederum zu relativieren gilt, wenn beispielsweise externe Branchenkenner den Umsatz der siebentägigen Basler Kunstmesse ART auf mindestens 150 Millionen Franken schätzen und auch 300 Millionen noch als möglich betrachten.

Rendite zum Letzten

Branchenbanker wie Karl Schweizer von UBS-Art-Banking (siehe Interview nächste Seite) betonen zwar, Kunst sei keine Finanzanlage. Dass Kunst aber durchaus auch als so genannt alternative Investition, als Geldanlage in Realien wie Immobilien oder Rohstoffe in Betracht kommt, schliesst auch dieser Fachmann nicht aus: «Wir machen uns Überlegungen – es ist noch zu früh für Konkretes – aber im Bereich alternative Anlagen kommt man irgendwann auf die Kunst. Ich schliesse nicht aus, dass Kunst einmal als alternative Anlage im Angebot sein könnte.» Folglich muss es entgegen aller Behauptungen doch auf eine gewisse Weise eine langfristige Rendite geben.

Auch hier gibt es Berechnungen, die aufhorchen lassen. Thomas González und Robert Weis kommen in ihrem Sachbuch «Kunst-Investment» zum Schluss, dass in Kunst investiertes Geld jährlich eine Wertsteigerung von 5 bis 10 Prozent ergeben kann. Sie schränken jedoch ein: Weil die Wertrealisierung langfristig erfolge, «empfehle es sich, nur etwa 10 bis 20 Prozent des anzulegenden Kapitals in die Kunst zu investieren und in Zeiträumen von mindestens 5 bis 10 Jahren zu denken.»

Weil aber Kunst doch eine besondere Ware ist, die zwar der Mode unterliegt, aber seit Jahrhunderten gesellschaftliche Wertschätzung geniesst, ist es auch eine ziemlich sichere Anlage: «Der totale Wertverlust wie zum Beispiel bei Termingeschäften ist unmöglich.» (González) Das zeigen, wiederum, Zahlen: Ein Aquarell von Emil Nolde kostete 1970 20 000 DM, 1980 60 000, 1990 270 000 und zehn Jahre später 350 000 DM. Keine schlechte Rendite also. u

Quellen: Christian Herchröder: Kunstmärkte im Wandel. Verlag Wirtschaft und Finanzen. 352 S., Fr. 62.-; Thomas González/Robert Weis: Kunst-Investment: Die Kunst, mit Kunst Geld zu verdienen. Gabler, 304 S., Fr. 86.-; www.kunstmarkt.com.


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