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«Keine Signale für einen Abschwung»

Warenprüfungen sind bei heiklen Produktion wie Kindermilchpulver essentiell für das Konsumentenvertrauen. Im Bild eine Skulptur mit Milchpulverdosen von Wan Ai Weiweis Foto: Creative Commons

Chris Kirk – Der CEO des Warenprüfers SGS ist sicher, dass das zweite Halbjahr noch besser ausfallen wird als das bereits gute 1. Semester. Zudem äussert sich Kirk zu Übernahmegelegenheiten und den Mehraufträgen, die wegen der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko bei SGS eingehen.
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Interview: Claudia Gnehm

Sie geben sich deutlich zurückhaltender bei den Prognosen für dieses Jahr als für das Krisenjahr 2009. Wieso?

Christopher Kirk: Wir waren im Januar für einmal konservativ mit unseren Prognosen und hielten absolute Zahlen nicht für opportun, weil noch alles möglich schien – sowohl ein Aufschwung als auch ein neuerlicher Abschwung.

Und jetzt?

Kirk: Seit Anfang Jahr legten wir zu und konnten die Margen halten. Das 1. Semester entwickelt sich gut, das 2. Halbjahr wird besser sein. Wir werden ein gutes Jahr haben. Es gibt viele Chancen, organisch zu wachsen. Wir setzen alles daran, das Wachstum zu steigern.

Sie sehen also keine Signale für einen erneuten Abschwung?

Kirk: Nein. Aber klar können wir uns den einschneidenden makroökonomischen Entwicklungen, die im Gange sind, nicht entziehen.

Rechnen Sie damit, dass die Geschäftsbereiche Mineralien und Automotive von einem erneuten allfälligen Abschwung wieder am meisten betroffen sind?

Kirk: Der Mineralien-Bereich erholt sich sehr gut. Das Explorationsgeschäft zieht nach dem Einbruch im vergangenen Jahr wieder an: Der Goldpreis erreicht neue Höchststände. Gefragt ist auch Uran. Gut läuft zudem das Kohlegeschäft in Australien, Nordamerika und Südafrika. Das Explorationsgeschäft ist allerdings ein wenig wettbewerbsintensiver geworden, seit die Konkurrenten Intertek und Bureau Veritas mitmischen. Der Automotive-Sektor ist nur auf vergleichbarer Basis schwächer, weil wir den Inspektionsauftrag des irischen Staats verloren haben. Am schleppendsten kommt der Bereich Industrial Services voran, weil die Staaten bei Infrastrukturprojekten auf der Bremse stehen und auch weil das Engineeringgeschäft der Exportfirmen wie in Deutschland stockt.

Ist Asien für Ihr Geschäft das Zugpferd?

Kirk: Unser Geschäft in Asien boomt; im Export- aber auch immer mehr im Binnengeschäft.

Sie haben kürzlich in Südkorea eine Firma übernommen. Legen Sie Ihren Übernahmefokus jetzt auf Asien?

Kirk: Nein, wir schauen uns überall Opportunitäten an. Wir haben soeben in Chile im Minensektor eine Firma übernommen.

Gibt es wieder ein Jahr mit vielen kleinen Übernahmen?

Kirk: Nicht unbedingt. Wir haben bisher bereits doppelt so viele Firmen übernommen wie das ganze letzte Jahr. Wir sehen weitere interessante Opportunitäten –kleinere und grössere.

Welche Auswirkungen hat der BP-Unfall im Golf von Mexiko auf das Ölgeschäft von SGS?

Kirk: Unsere Leute sind bereits involviert in die Bestandesaufnahme der ökologischen Auswirkungen. Fest steht, dass der Unfall, wie alle ökologischen Katastrophen, mehr Regulierungen zur Folge haben wird. Die Monitoringbehörde für Offshore-Bohrungen in den USA ist kürzlich bereits aufgeteilt worden. Wir fühlen uns manchmal wie Ambulanzen-Jäger. Nach den Unfällen mehren sich unsere Aufträge.

Das Ölsandgeschäft in Kanada ist verstärkt unter Beschuss geraten – wie steht es um die dortigen Aufträge für SGS?

Kirk: Für uns ist das ein sehr gutes Geschäft. Aber natürlich sinkt der Enthusiasmus für diese teure Exploration, wenn der Ölpreis sinkt. Apropos Kritik: Wir sind ja dort, um zu vermitteln. Dies, indem wir die ökologischen Auswirkungen analysieren, um Risiken zu minimieren.

Wo befinden sich, abgesehen vom neuen Solar-Testzentrum in Dresden, weitere innovative Dienstleistungen?

Kirk: Wir eröffnen im Juli in Danjin nahe Schanghai ein neues Labor, um Windturbinenpanels zu testen. Sie sind 75 m lang und werden bis zu drei Monaten auf Herz und Nieren geprüft. Das Testhaus ist direkt neben der Herstellerfabrik, nahe des Hafens, wo sie für den Export verladen werden können. Diese innovativen Services liefern überdurchschnittliche Margen.

Nachhaltigkeitstests sind ein neues Wachstumsfeld. Wie stark wirkte sich die Rezession aus?

Kirk: Grosse Firmen investierten weiter, denn die Konsumenten wollen weiterhin wissen, wie nachhaltig die Wasserflasche ist, die sie kaufen. Solche Nachhaltigkeitsangaben bedeuten auch einen Wettbewerbsvorteil. Aber bei Kleineren, da wird mehr gespart.

Wird dieses Jahr wieder vermehrt investiert?

Kirk: Ja. Allerdings gab es gar nie eine Verlangsamung, da sich diese Entwicklung Ende 2008 noch in den Kinderschuhen befand. Erst 2009 wurde daraus ein richtiger Trend. Noch macht die Nachhaltigkeitsprüfung wie der Karbon-Fussabdruck nur ein kleiner Teil des Produktetestings aus. Ich bin aber überzeugt, dass die Konsumenten ihre Kaufentscheide künftig verstärkt danach ausrichten, wie viel CO2 ein Produkt verbraucht, bis es ins Regal kommt.

Die vielen freiwilligen Angaben sind allerdings problematisch, da sie nicht auf einheitlichen internationalen Standards beruhen. Unterstützen Sie beispielsweise Bestrebungen für eine ISO-Norm für den Wasser-Footprint?

Kirk: Das ist ein wenig wie mit den Ökolabels – da gibt es über 130 Standards. Wir sind aktiv in allen ISO-Komittees und werden eingeladen, wenn ein neuer Standard definiert wird. Bei den Fussabdrücken, wo es keine international anerkannten Stan-dards gibt, definieren wir normalerweise einen Standard, wie ihn der Kunde will. Dann verifizieren wir auch, ob er seine Vorgaben einhält.

Das heisst, im Moment profitieren Sie bei den Footprints eher davon, dass Sie individuelle Standards definieren können, anstatt sich nach gegebenen Normen richten zu müssen?

Kirk: Ja. Natürlich werden wir uns nach internationalen Standards richten, wenn sie dann einmal da sind. Aber viele Kunden wollen ihre eigenen Standards, weil sie andere nicht für gut genug befinden. Sie wollen, dass ihr Mineralwasser besser akzeptiert wird als das der Konkurrenz. In Zukunft wird es nicht nur für Konsumgüter Standards geben, sondern für viele Produkte. Was wir zum Beispiel jetzt schon fördern, sind Life Cycle Assessments. Dort werden ganze Produktionsprozesse von Unternehmen auf ihre Nachhaltigkeit untersucht. Wir machen das für einige Grosskunden wie Patagonia. Wir arbeiten auch mit innovativen Firmen im Nachhaltigkeitstesting zusammen wie mit der St. Galler Bluesign.

SGS hat ihren ersten Nachhaltigskeitsbericht herausgegeben. Entspricht er dem höchsten Standard, der Global Reporting Initiative?

Kirk: Ja, sonst macht das gar keinen Sinn. Der erste ist noch selbstgecheckt, der nächste wird GRI-geprüft sein – also den höchsten Ansprüchen entsprechen. Der ganze Konzern ist in den Report involviert. Unsere Leute reden über Fussabdrücke und der Sustainability Officer sagt mir, ich solle mit dem Zug ins Büro kommen.

Sie haben jetzt eine Frau als Finanzchefin. Hat die SGS ein Frauen-Quoten-Ziel?

Kirk: Nein, wir haben keine Quote. Wir haben jetzt zwei Frauen im Operations Council. Sie sind ausserordentlich kompetent.

Was machen Sie, um Frauen zu fördern? Gewähren Sie mehr als die Mindeststandards beim Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub?

Kirk: Wir sind überall unter den Fortschrittlichsten, um für die Angestellten attraktiv zu sein. In der Schweiz gewähren wir 16 Wochen Mutterschaftsurlaub. Vaterschaftsurlaub wurde bisher nie speziell nachgefragt, auch wenn wir das Haus voller junger Väter haben. Wir gewähren auch mehr Pensionsgelder als üblich und zahlen an die Krankenkassen und Transportabonnemente. Wenn uns Angestellte verlassen, verdienen sie anderswo vielleicht mehr, aber sie vermissen dann oft unsere Benefits.

Wie steht es um die Benefits für die Aktionäre? Halten Sie an den 105 Fr. Gewinn je Aktie bis 2011 fest?

Kirk: Ja, der Präsident hat das Ziel im März bestätigt.

Die Familie von Finck hat ihren Aktienanteil reduziert, wird aber im Verwaltungsrat immer noch von gleich vielen Verwaltungsräten vertreten. Ist das nicht problematisch?

Kirk: Es gibt uns Stabilität, langfristig orientierte Aktionäre zu haben. Sie geben zudem keine Signale, dass sie aussteigen werden. Beide Grossaktionäre haben vier Vertreter und halten 15%. Es ist Sache der Aktionäre, die Verwaltungsräte zu wählen.

SGS-CEO Chris Kirk

Hintergrund

Zur Person

Steckbrief

Name: Chris Kirk

Funktion: CEO SGS

Alter: 54

Familie: Verheiratet, zwei Töchter

Ausbildung: Bachelor Zoologie, Postgraduate Certificate in Education

Karriere

1981–2002 Diverse SGS-Kaderfunktionen in Australien, Asien, Afrika

2002–2006 COO South East Asia/Pacific, Executive Vice President Minerals/Environmental Services

Seit Dezember 2006 CEO SGS

SGS

Genfer Warenprüfkonzern 1879 gegründet, erzielte SGS letztes Jahr mit 59000 Mitarbeitern 4,7 Mrd Fr. Umsatz und einen Gewinn von 566 Mio Fr. Die grössten Bereiche sind Öl-, Gas- und Chemical Services, Consumer Testing und Industrial Services. SGS ist weltweit marktführend im Produktetesting, der Inspektion, Verifikation und Zertifizierung und darum einer der bedeutendsten internationalen Ansprechpartner, wenn es um Qualität und Qualitätsstandards von Produkten und Services geht.


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