SonntagsZeitung,

Hört endlich auf mit euren «Boys only»-Clubs!

Junge, gut ausgebildete Frauen wollen in der Privatwirtschaft an die Schalthebel der Macht. Das ist nur zu verständlich, findet Claudia Gnehm.

Kommentar

Da beisst sich die Schlange in den Schwanz: Unternehmen in der Schweiz behaupten, Frauen zu fördern. Noch nie kamen so viele gut ausgebildete und ambitiöse junge Frauen in die Berufswelt. Und doch verharrt der Anteil von Frauen in den Führungsetagen seit Jahren auf tiefem Niveau. Das ist nicht alles: Trotz Bekenntnis, Frauen gegenüber Männern nicht zu benachteiligen, geht die Lohnschere zwischen den Geschlechtern weiter auf. Am grössten sind die Unterschiede in der Finanz­industrie.

Die Sache der Frau kommt in der Schweiz nicht voran. Frei­willige Programme des Bundes für mehr Lohngleichheit bringen nichts, der Lohngleichheitsdialog ist ein Flop. Kaum Früchte tragen freiwillige Fördermassnahmen der Firmen. Noch ist ein Drittel der Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen der 100 grössten Schweizer Arbeitgeber «Boys ­only»-Clubs. Mit drei weiblichen CEOs und einer Verwaltungsratspräsidentin ist die Schweizer Wirtschaftselite sehr maskulin.

Der Bundesrat wird wegen des Gleichstellungsgesetzes dieses Jahr nicht darum herumkommen, gesetzliche Vorgaben für die Lohngleichheit zu erlassen. Quotenziele hat er inzwischen für Bundesbetriebe eingeführt. Und siehe da, die Männerdomäne SBB ist plötzlich Magnet für Topfrauen aus der Privatindustrie.

Die EU-Staaten haben auf die Drohung der EU-Kommission selbst Frauenquoten eingeführt für ihre Aufsichtsgremien. In der Folge haben sowohl die nörd­lichen und südlichen EU-Staaten die Schweiz punkto Frauenan­teil überholt. In der Schweiz gibt es noch keine Mehrheit für Frauenquoten in der Privatindustrie. Doch die Reihe der Entscheidungsträger, die eine befristete und begrenzte Quote fordern, wird immer länger. Bei einem befristeten Versuch gebe es nichts zu verlieren.

Noch dominiert das Prinzip Hoffnung: Mit Pensionierungen und geburtenschwachen Jahrgängen kommen die Frauen automatisch mehr zum Zug, heisst es. Headhunter betonen, dass sich die Unternehmen stark für Frauenförderung einsetzen würden und die Früchte der Bemühungen bald geerntet werden könnten. Doch das sagen sie seit mehr als einem Jahrzehnt.

Zu gerne würde man den Bekenntnisse der Topshots Glauben schenken, sie hätten gerne mehr Frauen an Bord. Die Tragik: Wahrscheinlich meinen sie das ehrlich, doch sie handeln nicht danach. In der Not werden sie sich eher für eine Erhöhung der Drittstaatenkontingente einsetzen, als gezielt Frauen zu nominieren. Lieber auslän­dische Männer als Schweizerinnen. So stellen sie die Vormacht der Männer und somit sich selbst nicht infrage.

Ein bisschen Nachsicht mag frau dafür haben, dass die Führungsetagen nicht bereit sind für Veränderungen, die Frauen mit sich bringen. Unverzeihlich ist jedoch die schlechte Vorbereitung auf eine bedeutende Veränderung im Arbeitskräftepool: Für viele junge Männer ist es kein Lebensziel mehr, Chef zu sein. Sie inte­ressieren sich für eine sinnvolle Arbeit und eine gute Work-­Life-Balance. Sie sind von Frauen ­abgehängt worden bei ­Berufseinstieg und Studium. Sie sehen nicht ein, wieso sie Haupt­ernährer sein sollen. Mit grossem Ehrgeiz setzen sie sich für ein Berufsleben ein, das ihnen einen Alltag ermöglicht, der sie mehr erfüllt, als einsam an der Spitze zu sein.

Natürlich entspricht das dem, was die jungen Frauen wollen. Sie wollen alles, ohne Verzicht.


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