SonntagsZeitung,

Ein WM-Baby ohne Zukunft

Urgrossmutter Vera Lucia, Sarah mit Davi, Sozialarbeiterin Sulz (v.l.). (Foto: PH)

Wie die brasilianische Sozialarbeiterin Sula in den Wochen vor der Fussball-WM für die Rechte der Strassenkinder kämpft – und von der Polizei behindert wird.

Claudia Gnehm
Rio Davi ist sieben Tage alt. Er wimmert. Seine Urgrossmutter Vera Lucia, 65, wiegt ihn in ihren Armen und steckt ihm den Schnuller in den Mund. Mutter Sarah, 15, liegt erschöpft am Boden auf einem Karton im Schatten vor der Frances-Kirche im Lapa-Quartier von Rio. Sarah ist zugedröhnt mit einem Mix aus Marihuana und dem Lösungsmittel Thinner. Beides nahm sie während der ganzen Schwangerschaft.

Vera Lucia überzeugt Sarah, aufzustehen, um den Säugling zu stillen. Sarah setzt sich wacklig auf die Bank. Sie ist eine Woche nach der Geburt mager, ihre Brüste aber sind grösser als Kokosnüsse. Davi beruhigt sich, saugt zufrieden die vom Drogencocktail durchdrungene Milch. Er wird, wenn er noch lebt, zum Start der Fussball-Weltmeisterschaft am 12. Juni gute zwei Monate alt sein. Ein WM-Baby ohne Zukunft.

Rechts von Sarah sitzt Sula in einem grellgelben T-Shirt. Sie ist Pädagogin bei São Martinho, einer Partnerorganisation von Caritas Schweiz. Die SonntagsZeitung begleitete Sula auf ihrer Morgentour durch Rios Stadtzentrum – ein Strassenprojekt für Slumkinder, das bei der letztjährigen Sammlung «Jeder Rappen zählt» das Aushängeschild war.

Gangster haben angeblich für mehr Sicherheit gesorgt

Sula arbeitet seit 20 Jahren mit Strassenkindern. Sie sind zwischen 6 und 18 Jahre alt. Die UNO schätzt die Zahl der Strassenkinder im WM-Land Brasilien auf 10 Millionen. Wenige Wochen vor der Fussball-Weltmeisterschaft stören sie das positive Bild, das Brasilien der Öffentlichkeit vermitteln will.

An diesem Tag ist nur Sarah auf der Strasse. Die anderen Kinder lassen sich nicht mehr blicken, aus Angst vor den Polizisten, die sie einfangen. Nach dem Stillen legt sich Sarah wieder auf die Kartonmatte, wirkt weggetreten. Sula will die junge Mutter dazu bringen, sich registrieren zu lassen, damit sie staatliche Unterstützung erhält. Die Familiengelder, «Bolsa Familia» genannt, wurden 2003 eingeführt. Sie gelten als wichtigstes Mittel gegen die Armut.

Doch noch immer leben elf Millionen Brasilianer in den Favelas, den städtischen Slums. Früher hatten in den Favelas von Rio die Drogenbosse das Sagen. Innert der letzten zwei Jahre installierten sich in 253 Favelas von Rio 38 Einheiten der sogenannten «Befriedungspolizei» – bis zum 12. Juni, wenn die WM beginnt, sollen es 40 sein.

Die Befriedungsmassnahmen stossen auf Widerstand. Nicht nur bei den Favela-Bewohnern. Auch für die Mittelschicht gelten sie als aggressive Invasion, die keine Probleme löst. Nach diversen Menschenrechtsverletzungen durch Polizisten sind die Brasilianer misstrauisch – die Gangster, heisst es, hätten für mehr Sicherheit gesorgt.

Sarah übernachtet in der Hütte ihrer Urgrossmutter am Rande des Armenviertels Complexo da Maré – auf der Route zwischen dem WM-Stadion Maracanã und dem internationalen Flughafen Rios. Das Leben in den Favelas ist Realität für 22 Prozent der 6,3 Millionen Bewohner Rios – eine Parallelwelt, wo keine Fussballeuphorie aufkommen wird. Das Slumviertel Maré machte vorletzte Woche Schlagzeilen, als es von einer Sonderheit der Polizei gestürmt und von 2700 Elitesoldaten mit Panzern besetzt wurde – sie bleiben bis mindestens zwei Wochen nach der WM. Staatspräsidentin Dilma Rousseff ermöglichte solche Einsätze per Dekret.

Ein Ausnahmezustand, der für Sarah Alltag ist. Sie kommt täglich ins Stadtzentrum, um zu betteln – Geld für Drogen, wie Sula sagt. Bevor das Team der Hilfsorganisation São Martinho eintraf, bettelte eine Gruppe Strassenkinder auf dem Platz vor der Kirche São Francisco. Sie ist verschwunden. Der Grund steht auf der anderen Seite des Platzes. Vor der Skyline mit den Wolkenkratzern des Mineralölkonzerns Petrobras und der brasilianischen Entwicklungsbank steht ein Lieferwagen der Guarda Municipal. Damit bringt die Polizei die eingesammelten Strassenkinder in Internierungslager.

Preis von Kokosnusswasser hat sich verdoppelt

Ohne ihre Urgrossmutter als Begleiterin hätte die Polizei auch Sarah längst abgeführt, ihr Baby Davi zur Adoption freigegeben. Bevor sie schwanger wurde, lebte Sarah in einem besetzten Haus, zwischen Ratten und Käfern. Es kam zu gewalttätigen Übergriffen. Das ist typisch: 61 Prozent der Kinder leben auf der Strasse, weil sie misshandelt wurden. Zur Schule ging Sarah nur zwei Jahre.
Während der WM werde man die Strassenkinder wohl gar nicht mehr finden, heisst es bei São Martinho. Die Hilfsorganisation plant deshalb, die WM-Spiele an ausgewählten Orten auf Monitoren zu zeigen, um die Strassenkinder so zu erreichen. Die Sozialarbeiter organisieren Spiele, Sport und Unterricht. Sie wollen das Umfeld der Slumkinder verbessern, damit sie zurück zur Schule können und es später in den Arbeitsprozess schaffen. «Gegen den Willen der Kinder erreichen wir nichts. Wir möchten, dass die Jungen realisieren, dass sie ihr Leben ändern können», sagt Sula. Die Kinder einsammeln und wegsperren sei keine Lösung. Sula kennt Buben, die schon 100-mal in einen Unterstand gesteckt wurden und am nächsten Tag wieder auf der Strasse herumlungerten.
Die Regierung startete in den letzten zehn Jahren zahlreiche Sozialprogramme, um die Verlierer in dem aufstrebenden Schwellenland zu integrieren – doch die Kluft zwischen Arm und Reich ist nirgends so gross wie in Brasilien.

Die Strassenkinder Rios bleiben das Schlusslicht der Gesellschaft. Seit Rio seine Infrastruktur für die WM aufrüstet, verlieren sie ihre geschützten Schlafplätze unter Brücken und in den Parks – dort entstehen Autogaragen, Parkplätze und Strassen.

Doch auch andere Schichten können vom Ausbau nicht profitierten. Bis zur WM ist vieles nicht fertiggestellt, der Stau und die hohen Inflationsraten ärgern die Mittelklasse. Der Preis von Kokosnusswasser hat sich innert Monaten verdoppelt.

Die Sonne klettert immer höher, die Angestellten im Finanzdistrikt strömen aus den Hochhäusern zum Mittagessen. Sula bringt uns zum ehemaligen Strassenmädchen Paola, 18, auf dem Platz Largo de Carioca. São-Martinho-Mitarbeiter haben sie von der Strasse aufgelesen, als sie sich Babys der Freundinnen zum Betteln auslieh. «Wir haben mit ihr gearbeitet, bis sie realisierte, dass sie die Babys missbraucht», sagt Sula. Paola lebt im besetzten Maré-Viertel. Sie entschied sich zu arbeiten. Seit drei Jahren verkauft sie Mahlzeiten an Passanten, die eine Frau in Maré kocht. Heute ist ein guter Tag, die abgepackten Aluminiumteller mit Reis, Poulet und Gemüse gehen weg wie heisse Weggli. 200 Portionen verkauft sie jeden Tag. Damit könne sie heute überleben, sagt Paola stolz. Tochter Emily hat sie bei sich. Sie ist elf Monate alt. Paola muss die Tochter mitnehmen, seit ihre Mutter gestorben ist.

Die Situation in Rio de Janeiro ist explosiv

Sula und ihr Team wollen für Emily eine Krippe finden – doch in Rio fehlen 10 000 Plätze. «Für mich ist Paolas neues Leben nicht ideal, aber sie hat immerhin einen Weg gefunden, um selbstständig zu sein, statt zu betteln», sagt die Leiterin von São Martinho, Lucimar Correa. «Wir wissen, wie wichtig die WM für Brasilien ist, welches Potenzial sie für Wirtschaft und Tourismus hat. Doch für die Armen ändert sich durch die WM nichts, im Gegenteil.»

Letztes Jahr kam es in der ehemaligen Diktatur erstmals zu Demonstrationen. Nach den Studenten, die gegen die Erhöhung der Busbillettpreise protestierten, gingen auch Menschen aus der Mittelklasse und Gebildete auf die Strasse, um gegen die Milliardeninvestitionen für die Fifa, gegen Staus, Repression und Inflation zu protestierten. Neue Bürgerwehren entstanden. Sie sahen, wie die aus Steuergeldern finanzierten zwölf Hightech-Stadien entstanden, während die versprochenen Spitäler, Schulen und Strassen auf sich warten liessen. Die Gesellschaft Rios ist angespannt, die Situation ist explosiv.

Sula wird sich auch während der WM um die Strassenkinder kümmern. Noch hat sich wenig verändert. «Kinder werden weiterhin in Armut geboren – und selten aus ihr rauskommen.» Wie der süsse Davi.

Journalistin C. Gnehm mit Sao-Martino-Mitarbeitern. (Foto: PH)

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