SonntagsZeitung,

Die Flüchtlingswelle lässt die Kassen klingeln

Asylunterkunft in Zürich Foto: AOZ

Die private Zürcher Firma ORS betreut 6000 Flüchtlinge pro Tag, neu auch in Deutschland

Claudia Gnehm

Zürich Der Expansionskurs der Firma ORS Service AG hat traurige Aktualität: die ungebrochenen Flüchtlingsströme aus Krisenländern wie Syrien und Eritrea. Dieser Tage wird die private Betreiberin von Asylunterkünften die Tore des Bundeszentrums Les Buis in Perreux NE öffnen. Ab Ende Oktober ist ORS verantwortlich für den ­Tagesbetrieb des Bundeszentrums San Giorgio in Losone TI – für weitere 250 Flüchtlinge. Einen Zuschlag erhalten hat sie bereits für die Betreuung der Asylsuchenden im geplanten Bundeszentrum Menzingen ZG nächstes Jahr.

Die Firma mit Sitz in Zürich ist das einzige Schweizer Privatunternehmen, das bei den Ausschreibungen des Bundes und der Kantone mitbietet (siehe Box). Die zweite Privatfirma ABS aus Allschwil wurde von ORS dieses Jahr übernommen. Die einzige ernstzunehmende Konkurrentin bei den Bundesaufträgen ist die Migrationsfachstelle der Stadt Zürich, AOZ. Sie betreibt etwa die Empfangs- und Verfahrenszentren Kreuzlingen TG und Altstätten SG sowie die Temporärunterkünfte in Allschwil BL und Les Rochats VD. Allerdings gewann sie bisher deutlich weniger Bundesaufträge als die ORS.

Mit dem boomenden Geschäft erzielt ORS dieses Jahr einen Umsatz von 65 Millionen Franken, wie CEO Stefan Moll-Thissen auf Anfrage sagt. Das ist ein Plus von 18 Prozent innert dreier ­Jahre. Macht ORS Profit mit dem Leid? «ORS arbeitet wirtschaftlich und stellt somit sicher, dass sie für ihre Auftraggeber ein grundsolider Partner ist», antwortet er. Es gehöre nicht zum Geschäftsmodell der ORS, Verträge abzuschliessen, die Defizitgarantien vor­sähen, sagt er in Anspielung auf staatliche und karitative Konkurrenz. Den Gewinn will Moll-Thissen nicht ausweisen.

Das Bundesamt für Flüchtlinge (BFM) will sich nicht zu den Verträgen und Honoraren der Auftragnehmer äussern. Die Entschädigung messe sich am jeweiligen Aufwand. Immerhin darf das Amt die Aufträge nicht mehr unter der Hand vergeben. Seit letztem Jahr führt das BFM Ausschreibungen ge­mäss dem öffentlichen Beschaffungswesen durch. «Die Anbieter müssen wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Erfahrung, das Vorhandensein der personellen Ressourcen sowie umfassende Betreuungs- und Beschäftigungskonzepte nachweisen», sagt BFM-Sprecher Martin Reichlin.

Für Bayern bringt ORS eine «kleine Revolution im Asylwesen»

Total betreibt die seit 1992 tätige ORS in der Schweiz mit 450 Mitarbeitern 6 nationale Zentren sowie rund 25 weitere Kollektivunterkünfte von Kantonen oder Gemeinden für 4500 Asylsuchende. Doch damit nicht genug. Seit 2012 baut die Firma ihre Präsenz in Österreich aus. Dort betreut sie rund 1300 Asylbewerber in acht Zentren. Drei davon wurden wegen den stark steigenden Zahlen von Asylgesuchen allein dieses Jahr eröffnet. Weitere Standorte sollen hinzukommen.

Zusätzlich expandiert Moll-Thissen nach Deutschland. Im Bundesland Bayern betreut mit ORS seit Ende August erstmals ein Privatunternehmen eine Asylunterkunft. Die «Süddeutsche Zeitung» schreibt von einer «kleinen Revolution im Asylwesen». Gemäss Michaela Krem, Sprecherin der Regierung von Oberbayern, sind derzeit rund 200 Personen in der Funkkaserne in München untergebracht. «Die Hauptherkunftsländer sind Syrien und Eritrea», sagt Krem. Platz habe es für 350 Flüchtlinge. Die Wahl sei auf ORS gefallen, «weil dieser Bieter eine frühestmögliche Eröffnung zusichern sowie umfangreiche positive Referenzen vorlegen und Wirtschaftlichkeit ausweisen konnte». In Deutschland wie in der Schweiz und in Österreich muss ORS mit kritischen Fragen leben: Soll ein gewinnorientiertes Unternehmen diese staatliche Betreuungsaufgabe übernehmen? Waren die in den letzten Jahren bekannt gewordenen Missstände in der Betreuung nur Einzelfälle?

Diese Fragen stellen sich für den Zuger CVP-Nationalrat Gerhard Pfister nicht mehr. Er hattte früher die Intransparenz der Vergabe und der Betreuungsqualität bemängelt. Heute seien diese zufriedenstellend, sagt er. Aus Sicht der Steuerzahler finde er es gut, dass ein grosser Privatanbieter wie ORS zum Zug komme, weil mit der Grösse mehr Synergien möglich seien. Er räumt aber ein: «Der freie Markt, der bei der ­Vergabe spielen sollte, ist nicht so frei, weil es nur wenige professionelle Anbieter gibt.»

Bei der Nummer zwei im Markt, der Zürcher Fachorganisation AOZ, macht man sich keine Sorgen um die expandierende Privatkonkurrentin. AOZ-Direktor Thomas Kunz sagt, seine Organisation könne dank Grösse und Fachwissen bei Ausschreibungen gut bestehen. Allerdings betont er, dass die öffentliche-rechtliche Anstalt der Stadt Zürich gewissen Vorgaben zu erfüllen habe, die sich von jenen für Privatunternehmen unterschieden. Er glaubt, dass kleine Anbieter bei grossen Ausschreibungen benachteiligt seien.

Neben der Heilsarmee und dem Schweizerischen Roten Kreuz ist Cartias Schweiz ein solcher Kleinanbieter. Zwar sei Caritas bei den Bundesaufträgen schon einige Male leer ausgegangen, sagt der Migrationsleiter bei Caritas, André Durrer. Trotzdem werde sich Caritas weiter bewerben.

Schnelle Bereitstellung von Betten hat Vorrang

Ob die Steuerzahler wirklich davon profitieren, wenn ein Privater in Bereiche von NGOs und Hilfswerken vorprescht, ist offen. Dass ORS teilweise der Private-Equity-Firma Invision in Zug gehört, verstärkt das Image als Elendsprofiteur. Doch solange die Flüchtlingswelle nicht abbricht, hat die schnelle und effiziente Bereitstellung vieler neuer Betten Vorrang. Das BFM rechnet bis Ende Jahr mit 24 000 bis 25 500 Asylgesuchen.


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