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Die Abrechnung

Urs B. am Zürcher Paradeplatz. Das Gesicht verbirgt er hinter seinem Lieblingsbuch «Die 48 Gesetze der Macht». Foto: Sabine Wunderlin

Eine entlassener Banker legt den Umgang in Zürcher Banken schonungslos offen.

Claudia Gnehm

Zwei Sätze bedeuteten für Urs B.* das Ende seiner Karriere: «Dich brauchen wir nicht mehr. Wir haben die Abteilung neu aufgebaut.» Es war der erste Tag des 60-Jährigen im Büro einer renommierten Zürcher Privatbank nach vielen Wochen in einer Burnout-Klinik.

Mehr als 40 Arbeitsjahre war er bei Gross-, Privat- und Investmentbanken tätig, auch in leitender Position, wie offizielle Dokumente belegen. Nun hat B. genug von den Banken – aber viel zu erzählen: «Vor allem die über 50-Jährigen müssen gehen; dafür werden viele junge, unerfahrene Ausländer eingesetzt, oft direkt von der Uni aus den USA oder England.»

Rüder Umgangston

In B.s Umfeld sind rüde Kündigungen an der Tagesordnung: «Ich habe einen Familienvater erlebt, knapp über 50, der von einer Grossbank auf die Strasse gestellt wurde. Er sei zu teuer. Ein günstigerer stehe bereit.»

Entlassen wurde auch der Chefdevisenhändler einer Auslandsbank, Vater mehrerer Kinder: «Er war ein guter Typ, dann hat der Generaldirektor mit eigenen Geschäften Geld verloren und ihm das in die Schuhe geschoben.» Über ein Jahr habe der Mann einen Job gesucht. Dann, so B., brachte er sich um.

In diesem Umfeld seien Krankheitsfälle keine Seltenheit. Bei B. ging es Schritt für Schritt: Erst die Zermürbung, dann der Burnout. Zuletzt leitete er etwa ein Jahr lang eine Gruppe – de facto ohne effiziente Einführung oder klare Regeln, auch Fragen stellen durfte er nicht. Stattdessen sei er konstant kritisiert worden. Anfang 2012 habe ihn sein direkter Vorgesetzter informiert, er mache seinen Job nicht gut.

Ein Fall für den Arzt

«Nach dem Gespräch mit meinem Chef hat es mich umgehauen», sagt der hagere Mann. «Mir war immer schwindlig, ich ging nach Hause und zum Arzt. Der Arzt sandte mich zu einem Psychiater, und der sagte, ich bräuchte Abstand.»

Zuerst verbrachte er Wochen in einer Klinik. «Als ich zurückkam, wollte ich wieder arbeiten.» Aber mir wurde gesagt: «Das geht nicht mehr.» B. hatte eine Kündigungsfrist von mehreren Monaten; aber: «Rechtlich hatte ich keine Chance.»

Wenn B. von Erfolgserlebnissen erzählt, hellt sich seine Miene auf. Er habe den Banken viel Geld eingespart. Es ist ihm stets wichtig gewesen, korrekt zu handeln: «Ich habe nie einen Fehler gemacht, der eine Bank etwas gekostet hätte, wurde aber nie für meine Erfolge belohnt.»

Bei seiner vorletzten Entlassung kam ein neuer Arbeitskollege und sagte: «Du hast deine Position nicht mehr – die habe ich jetzt.» B. akzeptierte das nicht, verlangte Klärung von seinem obersten operativen Chef. Dieser sagte, er könne nichts machen, das werde auf einem anderen Kontinent entschieden. B. ist noch heute fassungslos: «Ich verstehe nicht, wieso man in der Schweiz hochbezahlte Chefs hat, die Entscheide aber anderswo gefällt werden.»

«Was sollte ich tun?»

«Unter Vermögensverwaltern galt Hilfe bei der Steuerhinterziehung vor über 25 Jahren noch als verboten», sagt B. Dann aber sei die alte Garde entlassen und durch jüngere Kräfte mit Basislohn ersetzt worden: «Die erhielten umso mehr Bonus, je mehr Kunden sie an Bord holten.»

Mit diesem System, so B., habe man das Privatbankengeschäft in der Schweiz zerstört. Hat er selber nie bemerkt, dass Banker ihren Kunden bei der Steuerhinterziehung behilflich waren? «Doch, was hätte ich machen sollen?»

Wer aufmuckt, fliegt

Und weshalb haben sich die Mitarbeiter nicht solidarisiert, warum muckten sie nicht auf? B.: «Ein Mitarbeiter darf heutzutage nichts mehr sagen. Wer was sagt, ist weg.» Mobbing habe es zwar immer gegeben, aber es sei früher nicht akzeptiert gewesen. Seit wann wird es hingenommen? «Seit in den Chefetagen Leute dominieren, die keine Sozialkompetenz mehr haben.»

Existenzsorgen hat der Ex-Banker nicht. Er habe anständig verdient, vor allem früher. Seine Frau sei selbständig. Er helfe derzeit fast jeden Tag einem Freund in dessen Ad ministration.

Kann er sich einen neuen Job in der Bankenbranche suchen? «Sehr gerne würde ich, aber das kann ich vergessen in meinem Alter, obwohl ich mich wegen des Arbeitsamts bewerben muss.»

B. möchte sich selbständig machen und Kunden bei Bankgeschäften beraten, auch solche die von den Banken schlecht behandelt werden. Sogar auf den Posten des Bankenombudsmanns hat er sich letzten Monat beworben – ohne Erfolg.

*Name der Redaktion bekannt


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