sda,

Brexit – Brexit: Finanzbranche kämpft um Schadenminderung

Wolken über dem Finanzplatz London

Mit jedem Tag ohne Brexit-Lösung vermehren sich die Zeichen, dass der Brexit den Schweizer Finanzfirmen schaden wird. Abseits von der EU und London zu sein, droht ein doppelter Nachteil zu werden im harten Wettbewerb um die EU-Kunden.

Die Unruhe bei der Zurich-Versicherung in London ist förmlich greifbar. Wegen den blockierten Brexit-Verhandlungen ist unklar, nach welchem Recht die britische Ländertochter bei der Erneuerungsrunde anfangs 2018 ihre langfristigen Verträge zeichnen soll, um die Schadendeckung garantieren.

Mit 90 Milliarden Dollar Prämien unter Vertrag (2015) ist London noch weit vor Zürich der weltweit grösste Markt für Unternehmens- und Spezialversicherungen (Schweiz: 30 Milliarden Dollar). Auch Schweizer Versicherungskonzerne schliessen ihre Verträge etwa in den Bereichen Energie, See- und Luftfahrt vor allem in London ab und nicht in der Schweiz.

Solange die Briten mit der EU über den Brexit verhandeln, darf die Schweiz mit den Briten keine bilateralen Verhandlungen aufnehmen. Die Schweizer Unternehmen hoffen auf eine Übergangslösung, die den Status Quo nicht verschlechtert. Doch dafür wird die Zeit eng.

Schreckgespenst harter Brexit

Unabhängig von den Brexit-Verhandlungen haben Banken wie Julius Bär und UBS in Luxemburg und Frankfurt bereits Niederlassungen mit den nötigen Lizenzen eingerichtet. Denn nach dem Brexit fällt das EU-Passporting weg, mit welchem von London aus Kunden in der ganzen EU bedient werden können. Etliche Banken befinden sich noch im Zulassungsverfahren.

Laut Sindy Schmiegel von der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg) brauchen die Schweizer Banken Planungssicherheit, lange bevor Grossbritannien die EU verlässt. „Klare Botschaften von den zuständigen Behörden sind deshalb von grosser Bedeutung – ansonsten besteht die Gefahr, dass die Banken vom ‚worst case scenario‘ ausgehen“, betonte sie gegenüber der Nachrichtenagentur sda.

Das schlimmste Szenario wäre ein harter Brexit, bei dem unter anderem die Personenfreizügigkeit wegfällt. Diese ist für die Finanzbranche existentiell. „Die Möglichkeit, Fachkräfte ungehindert an mehreren Standorten einzusetzen, ist aufgrund der Natur des Bankgeschäfts von grosser Bedeutung“, führte Schmiegel aus.

Exodus aus London

Der Exodus aus London ist bereits in vollem Gange. Die Investmentbanken Bank of America und Goldman Sachs verlagern Angestellte von London nach Dublin, Frankfurt und Paris. Die UBS will weniger als 1000 der 5500 Arbeitsplätze in London nach Madrid, Frankfurt und Amsterdam umsiedeln. Die britische Notenbank rechnet mit dem Verlust von bis zu 75‘000 Arbeitsplätzen.

Die Rechtsunsicherheit wird durch die Ungewissheit über die gegenseitige Anerkennung der Regulierungen zwischen Grossbritannien und der EU verschärft. Solange die Äquivalenzbestimmungen nicht festgelegt sind, wissen die Banken etwa nicht, welche Kapitalausstattung sie in Grossbritannien erfüllen müssen.

Auch für Versicherungen wie Zurich ist noch offen, welche Aufsichtsbehörden in welchem Land welche Kapitalausstattung verlangen. Zurich-Sprecher Frank Keidel zu den Konsequenzen, wenn nicht bald eine Übergangsregelung steht: „Dann würde die Situation für die Kunden komplexer, weil sie beispielsweise verschiedene Versionen eines Vertrages überprüfen müssten.“ Offenbar versuchen EU-Konkurrenten wie Axa bereits verunsicherte Kunden abzuwerben.

Schweiz ist blockiert

Beim Bund ist man sich der gefährlichen Ungewissheit bei den Unternehmen bewusst. Er hat eine Steuerungsgruppe eingesetzt. Sie verfolgt das Ziel, zum Zeitpunkt des EU-Austritts Grossbritanniens die gegenwärtigen Beziehungen zwischen der Schweizer und Grossbritannien sicherzustellen und allenfalls auszubauen.

Allerdings werde der Zeitpunkt, ab welchem die Briten die formale Kompetenz erlangen, mit Drittstaaten Handelsverträge abzuschliessen, Gegenstand der Austrittsverhandlungen aus der EU sein, erklärte Noémie Charton, Sprecherin des Aussendepartements (EDA).

Unterdessen finden exploratorische Gespräche statt. „Die beidseitigen Interessen, die Risiken zu minimieren sind gross“, sagte Charton. Auch der Austausch zwischen den Branchenverbänden der Länder ist rege.

Angespannt auf klare Entscheide der Politik wartet auch die Europäische Bankenaufsicht (EBA), die von London nach Paris umgesiedelt wird. Ihre Experten befürchten, dass die britischen Banken ohne EU-Aufsicht mehr Risiken eingehen und einen Preiskampf auslösen könnten. Die zwar verbesserte Kapitalausstattung nach der Finanzkrise dürfte nicht ausreichen, um höhere Risiko abzudecken.

Berater und Juristen profitieren

Davon, dass der Finanzplatz Schweiz vom Brexit profitieren könnte, ist nirgends die Rede. „Grundsätzlich schadet der Brexit wohl den gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen“, sagte der Direktor des Europa Instituts der Universität Zürich, Professor Andreas Kellerhals, der sda.

„Profitieren können all jene, welche von einer Unsicherheit, respektive vor neuen Schranken im gegenseitigen Wirtschaftshandel profitieren.“ Dazu zählen unter anderem Juristen und Berater.

Weiter sagt Kellerhals: „Da die Schweiz nicht Teil der EU ist, dürften allfällige Abwanderungen der Finanzwirtschaft aus Grossbritannien nicht in die Schweiz erfolgen, sondern in den EU-Raum.“

 

Publiziert in zB:

https://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/5332725/Brexit_Schweizer-Finanzbranche-kaempft-um-Schadensminimierung


Diese Artikel könnten ebenfalls interessant sein:

Hört endlich auf mit euren «Boys only»-Clubs!

SonntagsZeitung

Junge, gut ausgebildete Frauen wollen in der Privatwirtschaft an die Schalthebel der Macht. Das ist nur zu verständlich, findet Claudia Gnehm.

weiterlesen

WEF 2018: Europäer warnen vor Gefahr durch Globalisierungsverlierer

sda

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat in Davos eine gerechtere Globalisierung gefordert. Die jetzige Globalisierung sei in der Krise, weil sie immer mehr Verlierer produziere. Er zeigte sich mit Angela Merkel und Paolo Gentiloni einig, dass nationale Abschottung keine Lösung sei. zB in: https://www.cash.ch/news/politik/wef-2018-europaeer-warnen-vor-gefahr-durch-globalisierungsverlierer-1138906

weiterlesen