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Angriff auf die Profiteure

Muhammad Yunus: «Hände weg von gewinnorientierten Mikrokrediten», Foto: Martin Kraft cc

Muhammad Yunus will nicht, dass Schweizer Fonds mit Mikrokrediten Geld verdienen. Als Nobelpreisträger ist er auf diesem Gebiet eine Autorität.

 

Yunus hat mit seiner neusten Forderung Unruhe ins Schweizer Finanz-Establishment gebracht. 2006 erhielt der Ökonom aus Bangladesch für die von ihm propagierten Mikrokredite den Friedensnobelpreis. Nun fordert er, dass mit den Investitionshilfen für Arme keine Bankengewinne gemacht werden.

Schweizer Fonds-Anbieter verwalten 25 Prozent der weltweiten Investitionen ins Mikrokreditgeschäft.

Ihr Geschäftsmodell lässt sich mit dem Motto beschreiben: «Den Armen helfen und dabei Geld verdienen.»

Der Zürcher Fonds-Anbieter ResponsAbility etwa hat 505 Millionen Franken bei Mikrofinanzinstituten angelegt. Die Papiere werden von Credit Suisse und Raiffeisen gehandelt. ResponsAbility-Investment-Chef Rochus Mommartz sieht den Zugang vieler Menschen zu Kleinstkrediten in Gefahr, wenn die Mikrofinanzindustrie nicht mehr profitorientiert operieren dürfe.

Jetzt kontert Yunus, Gründer der Grameen Bank. Der 71-Jährige hat ohnedies zu kämpfen: Die Zentralbank von Bangladesch entfernte ihn von der Spitze der Bank, aus Altersgründen. In Wirklichkeit sei der Schritt politisch motiviert, sagen Beobachter.

Herr Yunus, schaden gewinnorientierte Mikrokredite den Armen wirklich?

Muhammad Yunus: Wir unterscheiden zwischen Mikrokrediten im Sinne der Armen und kommerziellen Mikrokrediten. Letztere können zur Jagd nach Gewinn verleiten und zur Missachtung des Wohls der Armen. Dieses Risiko bereitet uns Sorgen. Wenn Investoren an Mikrokrediten Geld verdienen wollen, fangen die Probleme an.

Der Mikrokreditfonds ResponsAbility argumentiert, dass ein Profitverbot vielen Menschen den letzten Zugang zu Krediten versperre.

Damit bin ich nicht einverstanden. Es ist eine Frage der rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen. Die Grameen Bank hat gezeigt, dass es möglich ist, mit Mikrokreditprogrammen zu expandieren und den Armen Mikrokreditdienstleistungen anzubieten, ohne gewinnorientierte Investoren und Kapitalmärkte. Die Gefahr des kommerziellen Modells ist, dass das Interesse der Investoren Vorrang gegenüber jenen der Schuldner erhält.

Wer soll Mikrokreditinstitutionen finanzieren, wenn sie nur der Wohlfahrt dienen?

Das Ziel jeder Mikrokreditinstitution muss Unabhängigkeit und Nachhaltigkeit sein. Heute hat die Grameen Bank Einlagen im Wert von 1,4 Milliarden Dollar, das entspricht 170 Prozent der ausstehenden Kredite. Der Geldverleih der Bank ist vollständig durch die Einlagen gedeckt. So einfach können Mikrokreditinstitutionen finanziert werden – die Grameen Bank machts vor.


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